Volksstimme Salzwedel 08.11.06

Volksstimme Salzwedel, 8.11.06

"Schräge Vögel" sehen Leerstand in Städten als Luxus

Filmpalast Salzwedel und Böll-Stiftung luden zu Dokumentarfilmabend ein

Von Kai Zuber

Salzwedel. Wohnungsleerstand, brach liegende Flächen inmitten von Städten, abgerissene, verkommene Häuser, alte Fabriken, die nicht mehr genutzt werden, stillgelegte Bahngleise – wer die trostlosen Bilder im Dokumentarfilm von Holger Lauinger und Daniel Kunle sieht, bekommt es mit der Angst zu tun : Wie werden die Städte wohl in 50 Jahren aussehen ?

Um diese komplexe Frage zumindest zu stellen – denn beantwortet werden kann sie kaum – luden der Filmpalast Salzwedel und die Heinrich-Böll-Stiftung aus Halle ein. Rund 20 Interessierte waren am Montagabend gekommen, um der Premiere und der anschließenden Diskussion im Filmpalast beizuwohnen. Als Moderator fungierte Marko Rupsch von der Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt.

Doch zunächst ließ Filmemacher Holger Lauinger, ein Wahlberliner, die Bilder und Szenen seines Streifens " Nicht mehr / Noch nicht " auf die Zuschauer wirken. Schrumpfende Städte und urbane Brachen wurden anhand von zahlreichen Beispielen eindrucksvoll gezeigt. In Städten wie Liverpool, Berlin, Halle-Neustadt, Dessau, Salzgitter, Wolfen und Wittenberge gingen der freie Journalist Lauinger und sein Filmkollege Kunle auf Entdeckungsreise.

Die Probleme des Wohnungsleerstands und der Brachen beziehen sich nicht nur auf Ostdeutschland. Auch im Norden der alten Bundesländer beobachtet man einen ähnlichen Strukturwandel.

Dabei gehen Experten davon aus, dass in den nächsten Jahren rund eine Million Wohnungen ungenutzt sein werden. " Die Stadtplaner kommen mit dem Abriss nicht hinterher, und in 15 bis 20 Jahren macht sich der Geburtenknick nach der Wende doppelt bemerkbar ", so Lauinger.

Im Film, der übrigens ohne Fördermittel entstand, werden Experten nach Erklärungen und möglichen Lösungsansätzen befragt. Zu Wort kommen Architekten sowie Stadt- und Landschaftsplaner.

Sie sehen hinsichtlich der Stadtentwicklung Anzeichen einer generellen Epochenwende, denn Leerstand und Abriss sind ja das Gegenteil des Wachstumsgedankens.

" Stadtplanung nicht als Aufbauen, sondern als Wegnehmen zu begreifen, ist eine Herausforderung für die Planer. Damit erwischt man sie auf dem kaltem Fuß ", so Lauinger.

Lösungsansätze werden vorgestellt

Im zweiten Teil des Films werden generationsübergreifende Lösungsansätze vorgestellt. Da wird ein Hochhaus in Halle-Neustadt kurzerhand zu einem Erlebnishotel umfunktioniert, unkonventionelle Akteure mit knallbunten Visionen erobern Brachen und bauen alte Fabriken zu Kreativhallen für Künstler um. Auf einem Abrissgrundstück errichten Kinder einen Hühnerstall.

Eines wird am Ende deutlich : Die mutigen " Neuinbesitznehmer " der Brachen sind oft " schräge Vögel ".

" Sie sind mit unserem herkömmlichen Verwaltungs- und Rechtsdenken nicht zu greifen, und dennoch bewegen sie etwas. Sie begreifen die Leerstand als Luxus und als Chance. Die Stadt der Zukunft ist eine Stadt, die von ihren Bewohnern im wahrsten Sinne des Wortes benutzt werden darf ", sagt der Filmemacher.

Vergleich mit Salzwedel

Die Zuschauern im Filmpalast zeigten sich begeistert von dem Streifen – und sehen Parallelen zu Problemen in Salzwedel. Im Vergleich zu den Beispielstädten habe die Hansestadt jedoch, etwa mit dem Rathausturmplatz, sehr viel kleinere Probleme, hieß es.

" Engagierte Bürger haben auch zum Beispiel beim Gestalten von leeren Schaufenstern gezeigt, dass man mit relativ wenig Geld vieles erreichen kann ", meinte zum Beispiel Sabine Spangenberg.

Weitere Infos zum Film gibt es im Internet unter www. nichtmehrnochnicht. de