Fußnote, Stadtmagazin Rostock

Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zur demographischen Entwicklung in MV luden die Heinrich Böll-stiftung und das Rostocker Lokalradio LOHRO zu einem Filmabend in das Lichtspieltheater Wundervoll LiWu ein. Gezeigt wurde das Dokumentarfilmessay "Nicht-Mehr | Noch-Nicht" von Daniel Kunle und Holger Lauinger, in dem der zunehmende Wohnungsleerstand und die Stadtbrachen, sichtbare Zeichen schrumpfender Städte thematisiert werden. Viele EinwohnerInnen, Geschäftsleute oder lokale Politiker empfinden diese, aus den sich zurückentwickelnden Bevölkerungszahlen, resultierenden Symptome als negativ. Aber ist das unbedingt so?
Die Filmemacher nähern sich zunächst dem Thema, indem sie Beispiele für ungenutzte, brachliegende Stadtorte zeigen. Neben Bildern aus den ehemaligen Indusriestädten Manchester und Liverpool, in denen die uns beschäftigenden Prozesse bereits vor etlichen Jahren einsetzten, gleichwohl es auch dort bis dahin keine Erfahrungen damit gab, werden dann vor allem leerstehende Häuser und überwuchernde, einst bebaute Grundstücke in Wolfen, Wittenberge oder Leipzig gezeigt. Dazu sprechen Thomas Sieverts und Wolfgang Kil, Planer und Stadttheoretiker, aus ihrer Sicht Fakten und Thesen an, die wohl in naher Zukunft Realität sein werden: Stadtentwicklunglebte seit Jahrzehnten von(Bau-)Subventionierung, ein Umstand der sich angesichts des Überflüsses an Wohnraum erledigt haben dürfte. Leere Häuser sowohl in Ortschaften, als auch inn der Landschaft werden zum normalen Bild gehören. Entgegen früherer Entwicklungen werden sich nicht mehr Städte in Landschaften ausbreiten, sondern die (menschlich beeinflusste) "Natur" erobert sich die Räume in den Ortschaften zurück (nichts anderes ist ja letztlich auch Brache, die selbst in "ungepflegtem Zustand" erstes Stadium einer natürlichen Sukzession ist). Innere Stadtränder verstärken sich ("Fraktal"-Bildung).
All das erfordert von Stadtplanern/Innen in Ost und West (!) einen Paradigmenwechsel, den Wohnungsgesellschaften aus den östlichen Bundesländern bereits einschlagen mussten. Einige sind an den ökonomischen Folgen Bankrott gegangen. Dieser Richtungswechsel verlangt der Planerzunft etliches an Umdenken ab, denn noch nie in der Geschichte wurde soviel zurückgebaut, wie heute. Dieser Umbruch erfordert von allen ein Nachdenken über ein neues Kulturverständnis, eine Leistung, die selbst in unserer Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft zZ.noch von niemandem vollständig erbracht werden kann.
Die beiden Theoretiker liefern aber auch schon einige, wie ich finde, sehr lustige Denkanstösse mit. Denn noch nie habe ich seit der Zerschlagung der bundesweiten Hausbesetzerszene aus dem Mund von Fachplanern gehört, dass die Zeiten vielleicht gar nicht mehr solange hin sind, in denen Menschen gesagt werden wird: da steht etwas leer, nehmt es euch, aber im Winter müsst ihr den Schnee selber wegschippen. Im Film wird vom "Luxus der Leere" gesprochen. Die sich eröffnenden Räume und Nischen sollten als Chance gesehen werden, als Spielräume für Zwischennutzungen. Brache soll als produktives Element begriffen werden.
Da ergeben sich natürlich erste Reibungspunkte, die angesprochen werden, denn selbst wenn ein Haus abgerissen wird, weil entweder kein Eigentümer da ist, der Eigentümer einfach kein Geld hat oder es einfach keinen Bedarf gibt - wer darf dann über die Fläüche verfügen? Abgesehen davon, dass es ja vielleicht durchaus Nutzerinnen für das Haus gegeben hat, die dieses "sich nehmen", eine Form der Aneignung, die nichts mit Besitz im herkömmlichen Sinn zu tun hat, praktiziert haben - siehe Beispiel Hedgestraße. An wievielen Flächen kommt mensch so vorbei, wo "nichts" steht (außer vielleicht erste Spontanvegetation) und die meterhoch eingezäunt sind? Da stellt sich die Frage nach dem Sinn der Verwertungslogik, denn wo freie Flächen oder Gebäude zum reinen Spekulationsobjekt auf unbestimmte Zeit verkommen, sind neue Formen der Nutzung ("try und error" nennt Tomas Sieverts das)oft nicht erwünscht.

Die Praxisbeispiele ("Noch-Nicht") stellen einen Querschnitt an Projekten dar, die sich der Zwischen- oder Nachnutzung von Freiräumen verschrieben haben. Auffällig ist, immer gabe es eine Gruppe von Leuten (gesellschaftliche Akteure), die erst einmal die Initiative ergriffen haben. Einige Beispiele sind nicht ganz so representativ, wie ich finde, weil sie eher an der Entwicklung der Inszenierung von Städten ("Disneyfizierung"/ "Stadt als Themenpark") entsprechen, zB. "Hotel Neustadt" und "Ferropolis". Zumindestem erstem kann zu gute gehalten werden, dass hier der Verusch unternommen wurde, den Einwohnerinnen von Halle einfach mal zu zeigen, was möglich ist. Für mich ist das die Problematik am treffendste Projekt "100qm Dietzenbach". "Der größte Planungsfehler der bundesrepublikanischen Stadtplanung" sollte Anfang der 80er Jahre als Entlastung für Frankfurt am Main dienen und das Örtchen Dietzenbach von 6.000 auf 60.000 Einwohner katapultieren. Hingezogen sind gerade mal die Hälfte der Menschen, mit der Folge dass zuviel an Wohnraum, Verkehrsfläche und Brachfläche mitten im Ort vorhanden ist. In einer temporären Landnahmeaktion konnten DietzenbacherInnen sich 100 qm große Claims abstecken und Vorschläge für die Nutzung unterbreiten. Es kamen vor allem MigrantInnen und BewohnerInnen der anliegenden Neubausiedlung, die sich größtenteils eine Gartennutzung wünschten. So ganz spielte die Stadtverwaltung aber doch nicht mit und verlangte 500 Euro Kaution und den üblichen Bürokratiekram. Da war es schnell vorbei mit der Landnahme - bis auf eine Handvoll Kinder, die (ganz david gegen Goliath) vor der versammelten Bürgerschaft ihren Hühnerstall verteidigten. Der fiktive Buchwert war den Stadtobersten dann doch wichtiger, als das bürgerschaftliche Engagement und ich denke an der Problematik dürften wohl zZ. noch die meisten Bestrebungen für ein anders geartetes Aneignen von Freiflächen scheitern.
Die übrigen Beispiele des Films bewegen sich zwischen Künstlerengagement (Broedplaatsfonds in Amsterdam, einer ehemaligen Werft), der Zwischennutzung des "Palastes der Republik" (zu der unsäglichen Entscheidung, das Schloss und das wofür es steht wieder aufzubauen, muss an dieser Stelle wohl nicht viel gesagt werden) und eine recht schräge Stadtteilaneignung (Park Fiction in Hamburg).

Wie sieht es bei uns aus? (Industrie-)Brachen gibt es genug. Die Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern können ein Lied davon singen, wie die Leute davon laufen. Ist mensch in den kleinen Städten und Dörfern vielleicht noch froh, dass als erstes die das Ortsbild nicht unbedingt positiv prägenden Plattenbauten geschliffen werden, nimmt es in den größeren Städten wahrnehmbar größere Ausmaße an, wenn auch die Innenstädte bis auf ungenutzte Gewerbeflächen verschont bleiben. Da fehlt in den ehemals so genannten "Neubaugebieten" (eigentlich sind die neuen "Ghettos ja die Reihenhaussiedlungen im "Speckgürtel" dann dort auf einmal ein Hochhaus, woanders eine ganze Plattenbauzeile. Für Wolfgang Kil sind das u.a. auch die sichtbaren Folgen einer Neoliberalisierung, die im Osten keine postindustriellen sondern deindustrialisierte Verhältnisse herbei führt und deshalb unabhängig von Geburtenknicken und ähnlichem zu sehen ist. Es wird sich also zeigen müssen, inwiefern die "Verantwortlichen", aber vielwichtiger noch die Menschen, die hier leben, die möglichen oben aufgezeigten Chancen erkennen. Im Film steht auf einer Berliner Mauer als Graffiti "But the don`t decide. We do! We create our own destiny and our own life!". Dem ist nichts hinzuzufügen, außer eins - der Film ist im übrigen mit langen ruhigen Kameraschwenks sehr schön fotografiert.

Ronald Zeug