Berliner Abendblatt Dezember 2004

Gelassenheit nach der Depression

Schluss mit der Schmalspur-Hollywood-Unterhaltung! Zwei junge Filmemacher aus Prenzlauer Berg beschäftigen sich im Dokumentarfilm "Nicht-Mehr | Noch-Nicht" mit schrumpfenden Städten - einem Thema, über das nur wenige Bescheid wissen, das uns aber alle betrifft. Menschenleere Bahnhöfe, endlose Häuserzeilen mit kaputten und barrikadierten Fenstern, leerstehende Läden ziehen vorbei. Faszinierend und erschreckend zugleich wirken diese Bilder. "Noch nie zuvor habe ich so ein unerbittliches Draufhalten auf die Leere in den schrumpfenden Städten gesehen", beschreibt der Architekturkritiker Wolfgang Kil seine Eindrücke von "Nicht-Mehr | Noch-Nicht". Schrumpfende Städte sind nicht nur ein ostdeutsches Problem: Bremen, Manchester, Liverpool, Berlin - überall verfallen Häuser und ganze Stadtteile. "Wir haben gar keine Bilder, was das heißt, wenn plötzlich nur noch die Hälfte der Leute da ist", sagt Wolfgang Kil. Wir sind gar nicht darauf vorbereitet. Das ist eine der Botschaften, die der Zuschauer mit nach Hause nimmt. Aber die Macher dieses ungewöhnlichen Films, Daniel Kunle und Holger Lauinger, lassen ihn mit dieser apokalyptischen Erfahrung nicht im Regen stehen. "Die Statements der Experten und die Bilder aus anderen Städten können Gespräche über Probleme vor der eigenen Haustür anregen", erklären die beiden Macher. "Vielleicht kann er auch Initiativen und sogar der Verwaltung helfen, der lokalen Phantasie Flügel zu verleihen."

Den Leerstand nutzen - neue Ideen verwirklichen

So zeigt "Nicht-Mehr | Noch-Nicht" nach dem ersten "Schock" auch die erfrischenden Chancen, die die neuen Brachflächen mit sich bringen, und die großartigen Menschen, die den Mut haben, sie zu erobern: In Halle etwa haben Theaterleute hunderte von Zimmern eines leerstehendes Hauses mit 13 Stockwerken in ein Erlebnishotel für Jederman verwandelt. Bürger in der westdeutschen Stadt Dietzenbach versuchten Brachflächen zeitweise zu übernehmen, die bis in das Zentrum des Ortes reichten - und machten Bekanntschaft mit der Engstirnigkeit konservativer Politiker. Auch über den deutschen Tellerrand schaut "Nicht-Mehr | Noch-Nicht" hinaus. Kunle und Lauinger besuchten unter anderem niederländische Künstler, die eine alte Werft in Amsterdam besetzten, um sich dort kreativ auszutoben. Wolfgang Kil: "Noch nie bin ich nach einer Stunde dieses harten Themas derart beschwingt davongegangen. So viel heitere Gelassenheit wird wohl erst möglich, wenn einer das ganze Tal der Depressionen schon durchschritten hat."

(dj)