Volker Ziegler, Architekt u. Dozent Städtebau

"Nicht-mehr | Noch-nicht" behandelt das Thema städtischer Brachen aus einem interdisziplinären Ansatz heraus, der sowohl soziale, ökonomische und demographische Entwicklungen als auch (stadt-)räumliche und planerische Aspekte beleuchtet. Für Architekten und Planer des 20. Jahrhunderts waren Stadtprojekte immer mit dem Begriff des (räumlichen, demographischen, wirtschaftlichen usw.) Wachstums der Städte verbunden. Der Film zeigt, dass sich städtische Projekte im 21. Jahrhundert ebenso mit der umgekehrten Tendenz befassen müssen, Schwund und Stagnation bis hin ins Zentrum der Städte. Dieses Phänomen der "perforierten Stadt" befiel schon vor Jahrzehnten die englischen Wirtschaftszentren mit ihren absterbenden Industrien und auch für das Ruhrgebiet lässt sich ähnliches aufweisen. Um ein Vielfaches verschärft trifft es die Städte der ehemaligen DDR, wo Industrieabbau und Abwanderung ganze Stadtteile entvölkern. An den Planer richtet der Film die Frage, wie seine Intervention sich gestaltet, wenn Investoren außer Sicht sind und der Stadtumbau ungewiss. Brachen sind ein bleibender Bestandteil unserer Städte geworden, deren (Um)Nutzung nicht immer zeitlich abschätz- und inhaltlich planbar ist. Diese Übergangszeit hält an, der Zustand des Transitorischen charakterisiert diese Orte nun dauerhaft. Wir sollen sie deshalb nicht als Un-Orte abstempeln, sondern ihre Potentiale entdecken und nutzen. Der zweite Teil des Filmes zeigt Wege zum Umgang mit Brachen auf. Fünf Fallstudien verdeutlichen, wie nötig ein Paradigmenwechsel ist und wie schwer er verantwortlichen Planern, Politikern und Behörden fällt. Für diese Brachen sollten nicht mehr Programme vorgeschlagen werden, die einen Ort dauerhaft in Beschlag nehmen, sondern Aktivitäten, welche auf zeitliche Entwicklungen sowie auf Veränderlichkeit und Flexibilität von (Stadt)Räumen eingehen können. Neue Arbeitsgebiete können erschlossen werden, wenn es darum geht, Stadtbewohner darin anzuleiten und zu unterstützen, wie städtischer Raum und Boden aktiv angeeignet und genutzt werden kann, oftmals auch gegen den Willen der Stadtväter. Konzertation mit verantwortlichen Stadtgremien, Beteiligung und Mündigkeit der Bürger stehen hierbei im Vordergrund. So richtet sich der Film letztlich auch an die Generation von Planern, die heute unsere Universitäten absolvieren und diesen Wandel von Inhalt und Begriff des städtischen Projektes vollziehen sollen.

Volker Ziegler ist Architekt und Dozent für Städtebau an der Ecole d'architecture in Nancy