Thomas Steinberg, Kiez Kino Dessau

Zuerst gingen der Stadt die Betriebe verloren. Wo einst produziert wurde, Menschen arbeiteten, rückt der Verfall vor - und die Natur. Ein paar Jahre später gingen der Stadt die Menschen verloren: Sie zogen weg oder wurden erst gar nicht mehr geboren.
Was aus der Kirchturmperspektive als ein besonders hartes Schicksal der eigenen Stadt erscheinen mag, ist längst ein weit verbreitetes Phänomen: Nicht nur in Ostdeutschland schrumpfen Städte, sondern ebenso in der alten Bundesrepublik, in West- und Osteuropa. (Die USA waren da wieder einmal Europa voraus, die allmähliche Entvölkerung ganzer Stadtteile, ja ganzer Städte hat man dort bereits vor Jahrzehnten beobachten können.)
Die Brache, einst nur in der Landwirtschaft zu finden, ist fester Teil der Städte geworden. Sie weitet sich aus und verstört jene, die noch in der zerfasernden, auseinanderbrechenden Stadt wohnen.
Daniel Kunle und Holger Lauinger haben in ihrem Film »Nicht-mehr | noch-nicht« dieses Phänomen dokumentiert: Liverpool und Wolfen, Dessau und Berlin - so unterschiedlich die Städte auch erscheinen mögen, was sie verbindet ist der Verlust. In Deutschland wurde dafür ein amtlicher Euphemismus erfunden. Indes meint »Stadtumbau« zunächst einmal ganz brutal der dem Leerstand folgende Abriss.
Kunle und Lauinger beschönigen nichts. Ihre Bilder leerer Häuser, des Verfalls sind bedrückend, manches Interview, das sie führen, taugt nur, den Eindruck des Unvermeidlichen zu verstärken, die gegenwärtige Entwicklung als Menetekel der Urbanität zu verstehen.
Indes: »Nicht-mehr | noch-nicht« zeigt mehr als Verlust. Im zweiten Teil ihres Films haben Kunle und Lauinger Leute aufgespürt, die versuchen, Brachen als Chancen zu begreifen. Ein Hühnerhof entsteht mitten in der Stadt. In St. Pauli wachsen Palmen. Aus 7000 Tonnen Schrott entsteht Ferropolis. Ein 13-Geschosser in Halle wird zur großen Bühne.
Taugen solche Zwischennutzungen wirklich, Leerstellen zu füllen, zumal ihnen die wirtschaftliche Basis fehlt? Ohne erhebliche Steuermittel würden sie nicht überleben. Und dort, wo sich Bürger formieren, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen? Beuten sie sich nicht selbst aus? Oder haben sie bloß die nötigen finanziellen Reserven, sich Stadterneuerung als Hobby leisten zu können? Nehmen die Zwischennutzer wirklich die Menschen mit? »Nicht-mehr | noch-nicht« kann auf diese Widersprüche keine endgültigen Antworten geben - weil diese bislang niemand parat hat.
Thomas Steinberg