Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Ganz so einfach lässt sich die Weisheit des Fußballtrainers Sepp Herberger sicher nicht auf den Umgang mit unseren Städten übertragen, dennoch: Das „Nicht-Mehr“ der „schrumpfenden Städte“ hat einen eindringlichen melancholischen Unterton, der das optimistische „Noch-Nicht“ oftmals überhören lässt. Daniel Kunle und Holger Lauinger haben sich um einen Ausgleich von Melancholie und Zuversicht bemüht, denn weder Depression noch übertriebene Hoffnung sind gute Ratgeber für einen zukunftsorientierten Stadtumbau.
Sehr eindringlich lassen die Filmemacher die Stadttheoretiker Wolfgang Kil und Thomas Sieverts mahnen, das Schrumpfen der Städte in Deutschland, das im Osten wie im Westen Stadtteile, ganze Städte und Regionen heimsucht, ernst zu nehmen und sich von einer wachstumsorientierten Stadtplanung zu verabschieden. Thomas Sieverts spricht von einer Trendwende der mitteleuropäischen Stadtentwicklung. Perforierte Stadtstrukturen mit größer werdenden inneren Stadträndern haben die konzentrisch wachsende Stadt abgelöst. Wolfgang Kil sieht Landschaften und Städte mit leeren Häusern bald als regelmäßige Erscheinungen in manchen Regionen.
Einem Wandel der Stadtentwicklung müsste dringend auch ein Wandel im Denken der Planer und der Akteure werden, aber damit tue sich ein großer Teil unserer Administration schwer, so Tom Sieverts. Dabei seien es die Hausbesetzer gewesen, die Ende der Achtzigerjahre einen Wandel in der Stadterneuerung gegen den staatlichen Widerstand durchgesetzt hätten. Solche „schrägen Vögel“ (Kil) seien aber notwendig, um den städtebaulichen Brachen wieder neues Leben einzuhauchen. Der „Luxus der Leere“, die freie und kostenlose Verfügbarkeit des Raums sei, so Wolfgang Kil, eine Chance für neues gesellschaftliches, selbst versorgendes und organisiertes Leben.
Von Raumpionieren dieser Art berichtet der zweite Teil des Films: Vom Hotel Neustadt in Halle Neustadt, von Ferropolis, der Stadt aus Eisen in den ehemaligen Tagebaugebieten der Lausitz, von der Zwischennutzung des ehemaligen Palastes der Republik in Berlin, von der Umnutzung einer alten Werft im Hafen von Amsterdam, der sich eine Gruppe ehemaliger Hausbesetzer angenommen haben oder von „Park Fiction“ in Hamburg, einer Künstlerinitiative, die die gemeinsam mit den Bewohnern betriebene Planung eines neuen Stadtteilparks direkt an der Elbe im Stadtteil St. Pauli zu einer Kunstaktion gemacht und sie mit Hilfe dieser Öffentlichkeit durchgesetzt haben. Der Film zeigt aber auch die Schwierigkeiten solcher Initiativen auf. So zum Beispiel in Dietzenbach bei Frankfurt a.M., wo der Bürgermeister mit aller Macht die Zwischennutzung eines brachliegenden Grundstücks durch seine Bürger verhindert hat. Bevor er den „schrägen Vögeln“ einen Garten gönnte, ließ er lieber seine Stadt brach liegen, schließlich muss alles seine Ordnung haben. Das ist die Regel!
Olaf Bartels