Mitteldeutsche Zeitung 08.03.05

Wolfen/MZ. "Nicht mehr, noch nicht": So beschreiben Daniel Kunle und Holger Lauinger die derzeitige Situation in den Kommunen entwickelter Industrieländer. Nicht mehr am Wachsen und noch nicht in der Lage, in geeigneter Weise mit den Problemen des Bevölkerungsrückgangs und dem Leerstand an Gebäuden umgehen zu können. "Nicht mehr, noch nicht", ist auch der Titel eines Filmes, den beide am Montagabend im Wolfener Kino präsentierten.

Dabei stellen nicht nur die Filmemacher fest, dass eine Entwicklung wie die derzeitige eine besondere ist. "Wir haben gar keine Bilder, was das heißt, wenn plötzlich nur noch die Hälfte der Leute da ist", gesteht zum Beispiel Architekturkritiker Wolfgang Kil im Filmtheater und ein zweites Mal auch auf der Leinwand. Er ist einer der Wegbegleiter der Filmemacher auf ihrer Reise durch europäische Kommunen. Sie machen Station in Manchester, Liverpool, Berlin, Dessau, Halle und auch in Wolfen.

Die Kamera schwenkt: Gestrüpp, Gerümpel, eine Fabrikruine, Ödland. Es ist eine Brache inmitten von Berlin. Nicht mehr gebraucht, scheinbar überflüssig. Aber deshalb auch ohne Zukunft? Nicht unbedingt, wie der Dokumentarstreifen zeigt. Architekten und Städteplaner werben für Zwischenlösungen und nennen das Projekt "Hotel" in Halle-Neustadt, die Landnahme im hessischen Dietzenbach oder die Kulturinsel im alten Amsterdamer Werftgelände als Beispiele dafür. Doch sie müssen Werben für ihr Verständnis, dass Planen heute nicht allein für Auf-, sondern vielmehr auch für Abbau steht.

Es ist eine Entwicklung, vor der sich niemand verschließen könne, glaubt Uwe Holz. Immerhin sehe man sich in Europa das erste Mal seit Ende des Dreißigjährigen Krieges und der Pest mit einem massiven, flächendeckenden Rückgang der Bevölkerung konfrontiert. Und Wolfens Oberbürgermeisterin Petra Wust (parteilos) fordert gar ein Umdenken der Menschen ein. Die müssten damit umgehen lernen, dass zu einer Stadt trotz massivem Wohnungsrückbau auch leere Gebäude gehören können. Bitterfelds Baudezernent Eckbert Flämig hingegen plädiert für einen lockeren Umgang mit freien Flächen, warnt vor Zwischenlösungen. Es sei doch dramatisch, wenn am Ende mit den Gebäuden auch die dort geborene Kunst verschwinde.