Die Brache auch als Möglichkeit begreifen
Film regte in der Kufa Disput über Stadtplanung an
Die Bilder von endlos langen Häuserzeilen mit toten, leeren Fenstern, in denen keine Menschenseele mehr lebt, schocken hier in Hoyerswerda schon längst niemanden mehr. Doch die beiden jungen Filmemacher Daniel Kunle und Holger Lauinger, die diese Bilder eben nicht in der Zuse-Stadt, sondern in Dessau, Halle, Leipzig, Wittenberge und auch in Bremen, Manchester und Liverpool aufgenommen haben, wollten mit ihrem Film «Nicht-Mehr / Noch-Nicht» mehr als nur die erschreckende Realität zeigen – sie wollten eine Diskussion anregen über die Chancen, die die neue «Leere» in den Städten mit sich bringen kann. Ein Thema, das auch in Hoyerswerda von Brisanz ist.
Deshalb hatte die Kulturfabrik den 80-minütigen Dokumentarfilm samt Regisseur Holger Lauinger und einen der Filmprotagonisten – Architekturkritiker Wolfgang Kil – in die Stadt geholt. Und dazu hatte die Kufa auch gleich noch alle eingeladen, die hier in Sachen Stadtplanung ein Wort mitzusprechen haben. Und sie kamen alle: Die Bürgermeister Skora und Delling, mehrere Planungs- und Architekturbüros, der Vorstandsvorsitzende der LebensRäume-Genossenschaft, der Verein «Stadtumbau und Bürgerbeteiligung/ SuBVersionen» . . ., wenngleich die Diskussion im Anschluss ungleich weniger spritzig und provokant als noch vor ein oder zwei Jahren bei ähnlichen Veranstaltungen geführt wurde.
Die Intention des Films ist gleichwohl von allen Rednern hoch gelobt worden. Im Schwebezustand des Nicht-Mehr und des Noch-Nicht haben die Filmemacher deutschlandweit und in den Niederlanden nach den beachtenswerten Beispielen gesucht, bei denen Brachen als neuer Raum für ungeahnte Möglichkeiten erschlossen wurden. Im «Hotel Neustadt» in Halle haben Theaterleute einen leergezogenen Dreizehngeschosser für mehrere Monate zum Zentrum eines spielerischen Erlebens von Urbanität gemacht. In der westdeutschen Stadt Dietzenbach gab es den Versuch einer temporären Landnahme durch die Bürger auf brach liegenden Planungsflächen, die bis ins Zentrum des Ortes reichen. Und in Amsterdam haben Künstler und Kreative Besitz von einer alten Werft ergriffen und zum Laboratorium für künstlerische Arbeit gemacht. Damit wurde dieser leere Nicht-Ort wieder zu einer verwertbaren Adresse.
«Die Brache ist als Zwischenlösung die einzige Form eine ganz neue Urbanität auszuprobieren» , sagte Wolfgang Kil, der den Begriff vom «Luxus der Leere» prägte. Dass die genannten Projekte natürlich nicht beliebig 1:1 in jede andere Stadt übertragen werden können, darüber war man sich im Publikum schnell einig. LebensRäume-Chef Axel Fietzek hatte sogar den durchaus berechtigten Einwand, «dass wir in Hoyerswerda doch keine Zwischenlösungen brauchen, sondern genau wissen, auf welche Einwohnerzahl die Stadt schrumpfen wird.»
Doch gegen Abriss – wenn, denn Gelder dafür da sind – hatte der Experte nichts. «Es geht um die mutige Nutzung solcher Brachen, die nicht weg sind.»
Dass es das in Hoyerswerda ja auch schon gab, darauf machte Architektin Dorit Baumeister aufmerksam. Sowohl das Kunstprojekt «Superumbau» 2003 als auch das 1998 «besetzte» Kunsthaus in der Altstadt seien solche Projekte gewesen. Beide haben das Ziel verfolgt, die Menschen dieser Stadt aus einer gewissen Lethargie zu reißen. «Die rasante Schrumpfung unserer Stadt führt dazu, dass viele Menschen sich verschließen, sich in sich kehren.» , ist ihre Beobachtung. Für Wolfgang Kil ist das Beschreiten neuer, unkonventioneller Wege gerade deshalb wichtig. «Solche Projekte sind gut – nämlich für die Menschen, die noch hier sind. Als ein Zeichen gegen Trostlosigkeit.»
Catrin Würz