Garten + Landschaft

Wie kein anderes Medium kann Film die Wirklichkeit raffen und verdichten. Die eigene Anschauung dagegen beschränkt sich ja in der Regel auf einzelne Beispiele und die Zahl von 1,3 Millionen im Kopf - Wohnungsleerstand in Ostdeutschland – bleibt abstrakt. Erst die Reihung von Bildern, an die man sich schon gewöhnt zu haben glaubte, lösen einen Schock aus. Sie erst machen uns das Problem in seiner ganzen Tragweite bewusst. Der Film von Daniel Kunle und Holger Lauinger „NICHT MEHR | NOCH NICHT“ ist ein solches augenöffnendes Dokument. Er zeigt, wie weit die Entvölkerung in den Städten der ehemaligen DDR, ihre Dissoziierung und der materielle Verfall ihrer Bausubstanz bereits fortgeschritten sind – eine beklemmende Dokumentation! Beklemmend auch der Kommentar der Stadttheoretiker Wolfgang Kil und Tom Sieverts, die diesen Prozess als Menetekel unserer urbanen Kultur deuten.

Dem bedrückenden ersten Teil des Films folgt ein zweiter, der dann doch ein ‚happy end‘ verspricht, wie es sich für einen ordentlichen Film ja wohl auch gehört. Er zeigt, wie sich als ‚Zwischennutzung’ auf den Stadtbrachen Gruppen ansiedeln, für deren experimentelle Lebensformen in den prosperierenden Städten kaum Raum vorhanden war. Während der Staat angesichts der Größenordnung der Probleme zu resignieren scheint, entstehen hier spontan Strategien, die eine Revitalisierung einleiten, jedenfalls legt der Film das nahe.

Das Problem ‚schrumpfende Stadt‘ ist für uns neu. In ihrem legendären Buch „The Death and Life of Great American Cities“ hat Jane Jacobs vor 40 Jahren solche Zyklen des Verfalls und der Regeneration beschrieben. Heruntergekommene Quartiere werden zum Anziehungspunkt sozialer Randexistenzen , nicht nur von Asozialen und Aussteigern sondern auch von Künstlern, Lebenskünstlern, Studenten, Außenseitern, Existenzgründern und überständigen Kleingewerblern. Sie verzichten auf den üblichen Lebensstandart und auf eine umfassende soziale Sicherheit und handeln sich dafür ein hohes Maß an persönlicher Freiheit ein. So entsteht eine Zusammenballung von Unkonventionalität, Kreativität, Experimentierfreude und ein neues Netz von sozialen Beziehungen. Diese lebendige Mannigfaltigkeit erzeugt eine gesellschaftliche Dynamik, die dem Quartier alsbald eine neue Attraktivität, schließlich auch für Investoren beschert, so Jane Jacobs.

Solche initiativen Außenseitergruppen haben die Filmemacher nun auch, aber nicht nur, in den ostdeutschen Städten aufgespürt. Es sind deren einfallsreiche Aktionen, die die Zuschauer faszinieren und auf die Kunle und Lauinger ihre Hoffnung setzen.

In der Bundesrepublik waren diese, für unsere Gesellschaftsordnung ‚normalen‘ Stadterneuerungszyklen, wie sie Jane Jacobs beschrieben hat, bisher unbekannt. Sie wurden überlagert durch Kriege, Kriegszerstörungen, Wiederaufbau und durch die Integration von Millionen von Ostflüchtlingen DDR-Flüchtlingen und Gastarbeitern. Jahrzehntelang, bis in die Ära von Bundeskanzler Kohl wuchsen Wirtschaft, Bevölkerung und mit ihnen die Städte. Der bis dahin kaum bemerkte , schleichende Prozess der Kapitalkonzentration und –zentralisation wurde dann durch eine weitere ‚Anormalität‘, die Wiedervereinigung der beiden Deutschland, dynamisiert. Die Deindustrialisierung und Bevölkerungsflucht erreichte in der ehemaligen DDR in kürzester Zeit außergewöhnliche Größenordnungen. Es ist zu vermuten, dass selbst eine boomende Wirtschaft keine umfassende Abhilfe gewährleisten würde, zumal das Kapital heute einen globalen Aktionsradius besitzt. Nur wenige wirtschaftliche Brennpunkte können von einer konjunkturellen Belebung eine Sanierung erwarten, für die große Zahl der Stadtbrachen bleibt nur die Hoffnung auf die skizzierte informelle Entwicklung. Wie realistisch ist diese aber? Die Initiativgruppen auf den Stadtbrachen, die der Film zeigt, sind im kulturellen und Freizeitbereich angesiedelt. Ihre Protagonisten leben überwiegend von der Arbeitslosen- oder Sozialhilfe, die eine zwar bescheidene aber doch ausreichende Subsistenz ihrer kreativen Arbeit gewährleistet. Der Wohlfahrtsstaat ist aber an seine finanziellen Grenzen gestoßen und wird gerade abgebaut. Er wird künftig dieses Existenzminimum nicht mehr garantieren können. Experimentieren, „spielen“ kann aber nur, wer nicht hungert. Bevölkerungsgruppen, die weder Arbeit finden noch ausreichend vom Staat alimentiert werden, brauchen andere als die im Film gezeigten Kultur- und Freizeitprojekte. Hilfreiche Beispiele findet man vermutlich eher bei den Überlebenskünstlern in den Slums und Favelas Amerikas und Asiens. Künftige Formen der Selbsthilfe dürften eher bedrückend, denn heiter und spielerisch anzusehen sein und auch in der Regel der Initialfunktion ermangeln.

Martin Wagner schrieb 1929:“In Stadtplanungen wird die wirkliche Gestalt der Gesellschaft, ihre geistige und wirtschaftliche, insbesondere aber ihre sozialpolitische Struktur klarer und wahrhaftiger ans Licht gebracht, als in irgendeinem anderen Dokument.“ (Das neue Berlin, 1929, Heft 4, S.70) Deshalb sollten Sie diesen Film nicht versäumen.

Jürgen Wenzel beendete 2003 seine Universitätslaufbahn als Professor für Bauplanung am Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung der TU Berlin. Seine Beiträge zur Profession, vorgetragen in Lehre und Fachdiskurs, haben die letzten Jahrzehnte des Wandels von Landschaftsarchitektur kommentiert und beeinflusst