Massive Schrumpfung nur in Europa Diskussion über Leerstand und Migration
Seit zweieinhalb Jahren reist der Regisseur Holger Lauinger ununterbrochen mit seinem Film „Nicht-Mehr | Noch-Nicht“ durch das Land. Sein als low-budget-Produktion mit 2000 Euro Zuschuss realisierter Film über das Schrumpfen der Städte und die leeren Häuser, ja ganze Straßenzüge und Wohnkomplexe, die meist im Osten, aber durchaus auch im Westen zu finden sind, rüttelt die Menschen auf. So auch das Publikum im Filmmuseum, in dem der Film im Rahmen der von Kulturland Brandenburg angeregten und geförderten Reihe „Architektur im Film“ gezeigt wurde, obwohl Potsdam als eine der wenigen Städte bislang vom Problem verschont geblieben ist. Zum ersten Mal seit der Pest im Mittelalter sinken nämlich die Bevölkerungszahlen so beträchtlich, dass Politiker, Architekten und Städteplaner gezwungen sind umzudenken. Statt immer mehr Wachstum anzustreben, und dabei Vorstadtsiedlungen mit Einfamilienhäusern auf die grünen Wiesen zu stellen, müssen sie nun plötzlich lernen, überflüssig gewordene Bausubstanz zu entfernen. Eine epochale Herausforderung, ein regelrechter Paradigmenwechsel. Wie geht die Gesellschaft damit um? Eine von Michael Erbach, Chefredakteur der PNN, geleitete Expertenrunde diskutierte im Anschluss an den Film.
Einigkeit herrschte auf dem Podium, dass die Antwort auf die katastrophale Entwicklung besonders in ländlichen Gebieten in der Konzentration und Verdichtung der Innenstädte liegt. Der Siedlungswohnungsbau als Modell sei definitiv gescheitert. Ludger Brands, Architekturprofessor der Fachhochschule, malte ein besonders düsteres Bild, indem er offen aussprach, dass man sich dem gegenüber von ganzen Städten und Regionen im ländlichen Raum in Zukunft wohl trennen werden müsse.
Der designierte Minister für Infrastruktur und Raumordnung, Reinhard Dellmann, sah die Politik in Brandenburg auf gutem Weg. Zwar habe man Anfang der 90er Jahre z.B. in Schwedt sogar mit öffentlichen Mitteln Neubauten errichtet, nunmehr jedoch sehe die neue Leitlinie, nach der „Starken gestärkt“ werden sollen auch vor, sogenannte Wachstumskerne, also die Innenstadträume, zu verdichten. Es müsste sogar dafür auch in Kauf genommen werden, wenn dafür erst vor kurzem renovierte Mehrgeschosser am Stadtrand aufgegeben werden müssten.
Im Hinblick auf die geringer werdenden öffentlichen Städtebaumittel und Potsdams verschiedene Großbauprojekte – das Stadtschloss wurde erwähnt – mahnte er „Solidarität“ gegenüber den schwächeren Regionen an. „Was ist hier notwendig und in welcher zeitlichen Abfolge?“, fragte der zukünftige Minister.
Der Architekturkritiker Wolfgang Kil blieb skeptisch. Nicht nur die Bevölkerungszahl ändere sich, auch unsere Lebens- und Arbeitswelt. Wer sage, dass man seine – nicht immer freiwillig zur Verfügung stehende – Freizeit in der Stadt verleben möchte? Mit dem Blick auf den Minister appellierte er: „Achten Sie beim Umbau darauf, dass möglichst wenig Leute auf der Strecke bleiben.“ Kil sprach sich, wie Lauinger im Film an einigen Optimismus versprühenden Beispielen zeigte, dafür aus, die vielen Brachflächen kreativ zwischen zu nutzen. So wie die Schiffbauergasse und das Waschhaus, wie Erbach einwarf, die auch zunächst von Künstlern besetzt wurde und nun etabliert sei.
Regisseur Lauinger wies darauf hin, dass die von ihm porträtierten Beispiele alle noch mit verhältnismäßig viel Geld realisiert wurden. Unflexible Bürgermeister und ein starres und kompliziertes Baurecht, dazu ein auf Eigentum fixiertes Immobilienrecht, machte er dafür verantwortlich, warum auch die vielen kleineren Ideen der Bürger für die vielen Brachflächen häufig nicht umgesetzt werden könnten.
Die von ihm vorgeschlagene Öffnung der Diskussion für das Publikum brachte durchaus neue Aspekte hervor. Zum einen wurde die Aussage des zukünftigen Ministers hinterfragt, er hätte in den vielen Jahren seiner politischen Tätigkeit noch nie erlebt, dass bei ihm ein Wissenschaftler oder Stadtplaner vorgesprochen habe, um ihm Problemlösungen aufzuweisen. Zum anderen zeigte die Wortmeldung, in der darauf hingewiesen wurde, dass Europa die einzige Region der Welt ist, in der es einen massiven Schrumpfungsprozess gibt, dass auch eine globale Dimension der Frage existiert. Bezöge man die Migrationspolitik in die kreative Debatte mit ein, könnten plötzlich aus schrumpfenden wieder blühende Städte werden.
Matthias Hassenpflug
Senioren besetzen leerstehende Kitas
Luxus der Leere: Der Film „Nicht-Mehr | Noch-Nicht“ eröffnet Diskussion über Potential von Brachen
Der Film erinnert an das Märchen „Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen“. In diesem Fall waren es zwei, die sich auf den Weg machten und nicht lange suchen mussten, um Bilder der Düsternis und des Schreckens zu finden. Vernagelte Fenster, verwaiste Straßenzüge, Hochhäuser mit schwarzen bohrenden Augen. Geisterorte. Kein Märchen, sondern bittere, von der Politik lange verdrängte Realität, die den Regisseuren Daniel Kunle und Holger Lauinger begegnete. Liverpool gebärdet sich besonders drastisch: nur fünf Minuten von der Fußgängerzone entfernt, ist man mitten im Ghetto. Gewalt liegt in der Luft. Die englische Stadt hat aber längst deutsche „Nachahmer“ gefunden: Dessau, Halle ... Es werden immer mehr.
Derzeit stehen 1,3 Millionen Wohnungen in Ostdeutschland leer – das sind so viel wie zwei Drittel von Berlin. „Das ist erst der Anfang. Die eigentliche demografische Schrumpfung steht noch bevor, wenn die nach 1990 geborenen Kinder keine Kinder mehr bekommen“, sagt Regisseur Holger Lauinger. Sein Dokumentarfilm „Nicht-mehr, noch-nicht“ zeichnet ein Schreckensszenario – und entlässt den Betrachter am Ende doch noch mit aufmunternden Visionen.
Das 2004 gedrehte Essay ist der Auftakt für das Filmgespräch „Luxus der Leere“, das morgen im Filmmuseum stattfindet. Es nimmt mit auf die Reise in Gegenden, vor denen man am liebsten die Augen verschließt. Statt die versprochenen blühenden Landschaften, sind es die Brachen, die hier grünen – versunken in Meter hohem Unkraut. Holger Lauinger, der selbst Landschaftsplanung studierte, holte Fachleute vor die Kamera, die nichts beschönigen: „Wir haben gar keine Bilder, was es heißt, wenn plötzlich nur noch die Hälfte der Leute da ist: Jeder zweite Nachbar weg ist, jeder zweite Platz im Bus leer bleibt. Wir werden gar nicht schaffen, alles abzureißen, was leer steht“, so Architekturkritiker Wolfgang Kil. „Der Bund stellte 2002 rund 2,5 Mrd. Euro zur Entwicklung von Städte-Konzepten zur Verfügung. Das reicht hinten und vorne nicht. 450 000 Wohnungen kann man damit höchstens abreißen“, untermauert Holger Lauinger. Und was wird aus diesen sich mehrenden Überbleibseln? Sie sollten für die Öffentlichkeit freigegeben, zu „Spielräumen“ werden, fordern die Stadtplaner. In den 70er Jahren waren es die „schrägen Vögel“, die „Schmuddelkinder“, die für einen anderen Umgang mit Leerstand sorgten. Heute seien ähnliche Prozesse möglich, ja sie sollten von der Gesellschaft forciert werden. „Ich glaube, wenn es nicht von unten kommt und über Besetzungen realisiert wird, dann passiert nichts!“, so der befragte Stadtentwickler Thomas Sieverts. Was könnte dieser „Luxus der Leere“ konkret bedeuten? „Im Artikel 14 des Grundgesetzes heißt es, dass Eigentum verpflichtet. Wenn sich leerstehende Immobilien nicht vermarkten lassen, sollten sie zur sozialen Aneignung freigegeben werden. Zwischennutzung heißt das Zauberwort, um überhaupt reinzukommen“, sagt Lauinger. Beim Palast der Republik in Berlin war es so, in Eisenhüttenstadt wäre indes so eine Zwischennutzung sicher auch die Endnutzung. „Es ist immer auch eine Frage, ob Städte ein kreatives Milieu haben.“
Die Dokumentarfilmer fanden solche kreativen Entdecker. In Halle-Neustadt zum Beispiel, wo ein leerstehender Betonklotz zum Festivalort wurde: für die Hotel Neustadt-Show. Da gab es Fassadenkletterer, Mini-Golfer auf übrig gebliebenen Schrankwand-Teilen, ein Casino vor Blümchentapete. Die „Orientierungslosigkeit wohnt eine Tür weiter“, war zu lesen. Ein Ort wurde mit Energie aufgeladen und wirkte wie ein Außenbordmotor an der Stadt. Das Festival ist vorbei, der Motor weg, vielleicht fangen die Bewohner nun an zu rudern.
Dass bei Besetzungen mit Gegenwind zu rechnen ist, erzählt der „Fall“ Dietzenbach, der zugleich zeigt, dass es auch in Westdeutschland Brachen gibt. Kinder bauten sich darauf ein Gehege für vier Hühner. Der Bürgermeister witterte Kontrollverlust und mahnte: Wehret den Anfängen, sonst folgt morgen ein Ziegenbock. Die Stadtverordneten stimmten den Bürgermeister nieder. Doch der trat beleidigt nach und verlangte eine Kaution von 1000 Euro.
Das wäre in dem kampferprobten Hamburg sicher nicht passiert, dort gibt es im Kiez St. Pauli die Tradition, sich zur Wehr zu setzen. Und dann entstehen eben fliegende Teppiche und Palmeninseln, werden kollektive Wünsche wahr. „Die Orte stehen unter verschiedenem Druck, wird er besonders groß, geht er auch in die Verwaltung rein“, glaubt Lauinger an Gegenwind für die Bürokratie. Dann werden Brachen nicht als Makel, sondern als Potential gesehen, sind Zwischennutzer mehr als Lückenbüßer. Viel lasse sich da von Amsterdam lernen, wo Theaterleute eine Werft zum Künstlerdorf umbauten – was auch an die Schiffbauergasse in Potsdam erinnert. „Unser Film will Hoffnung machen: Schrumpfende Städte müssen nicht grau und langweilig sein“, betont Lauinger. Er selbst habe sein eigenes „Wünsch dir was“-Bild: „Seniorenvereine übernehmen kostenlos leerstehende Kitas und darüber weht eine Piratenflagge.“ Dem Fürchten also den Garaus machen.
An der morgigen Podiumsdiskussion nehmen teil neue Minister für Infrastruktur und Raumordnung, Reinhard Dellmann, der Architekturkritiker Wolfgang Kil sowie Ludger Brands von der Fachhochschule Potsdam. Es moderiert Michael Erbach, PNN-Chefredakteur. Beginn nach der Filmvorführung um 19 Uhr.
Heidi Jäger
Volksstimme Salzwedel, 8.11.06
"Schräge Vögel" sehen Leerstand in Städten als Luxus
Filmpalast Salzwedel und Böll-Stiftung luden zu Dokumentarfilmabend ein
Von Kai Zuber
Salzwedel. Wohnungsleerstand, brach liegende Flächen inmitten von Städten, abgerissene, verkommene Häuser, alte Fabriken, die nicht mehr genutzt werden, stillgelegte Bahngleise – wer die trostlosen Bilder im Dokumentarfilm von Holger Lauinger und Daniel Kunle sieht, bekommt es mit der Angst zu tun : Wie werden die Städte wohl in 50 Jahren aussehen ?
Um diese komplexe Frage zumindest zu stellen – denn beantwortet werden kann sie kaum – luden der Filmpalast Salzwedel und die Heinrich-Böll-Stiftung aus Halle ein. Rund 20 Interessierte waren am Montagabend gekommen, um der Premiere und der anschließenden Diskussion im Filmpalast beizuwohnen. Als Moderator fungierte Marko Rupsch von der Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt.
Doch zunächst ließ Filmemacher Holger Lauinger, ein Wahlberliner, die Bilder und Szenen seines Streifens " Nicht mehr / Noch nicht " auf die Zuschauer wirken. Schrumpfende Städte und urbane Brachen wurden anhand von zahlreichen Beispielen eindrucksvoll gezeigt. In Städten wie Liverpool, Berlin, Halle-Neustadt, Dessau, Salzgitter, Wolfen und Wittenberge gingen der freie Journalist Lauinger und sein Filmkollege Kunle auf Entdeckungsreise.
Die Probleme des Wohnungsleerstands und der Brachen beziehen sich nicht nur auf Ostdeutschland. Auch im Norden der alten Bundesländer beobachtet man einen ähnlichen Strukturwandel.
Dabei gehen Experten davon aus, dass in den nächsten Jahren rund eine Million Wohnungen ungenutzt sein werden. " Die Stadtplaner kommen mit dem Abriss nicht hinterher, und in 15 bis 20 Jahren macht sich der Geburtenknick nach der Wende doppelt bemerkbar ", so Lauinger.
Im Film, der übrigens ohne Fördermittel entstand, werden Experten nach Erklärungen und möglichen Lösungsansätzen befragt. Zu Wort kommen Architekten sowie Stadt- und Landschaftsplaner.
Sie sehen hinsichtlich der Stadtentwicklung Anzeichen einer generellen Epochenwende, denn Leerstand und Abriss sind ja das Gegenteil des Wachstumsgedankens.
" Stadtplanung nicht als Aufbauen, sondern als Wegnehmen zu begreifen, ist eine Herausforderung für die Planer. Damit erwischt man sie auf dem kaltem Fuß ", so Lauinger.
Lösungsansätze werden vorgestellt
Im zweiten Teil des Films werden generationsübergreifende Lösungsansätze vorgestellt. Da wird ein Hochhaus in Halle-Neustadt kurzerhand zu einem Erlebnishotel umfunktioniert, unkonventionelle Akteure mit knallbunten Visionen erobern Brachen und bauen alte Fabriken zu Kreativhallen für Künstler um. Auf einem Abrissgrundstück errichten Kinder einen Hühnerstall.
Eines wird am Ende deutlich : Die mutigen " Neuinbesitznehmer " der Brachen sind oft " schräge Vögel ".
" Sie sind mit unserem herkömmlichen Verwaltungs- und Rechtsdenken nicht zu greifen, und dennoch bewegen sie etwas. Sie begreifen die Leerstand als Luxus und als Chance. Die Stadt der Zukunft ist eine Stadt, die von ihren Bewohnern im wahrsten Sinne des Wortes benutzt werden darf ", sagt der Filmemacher.
Vergleich mit Salzwedel
Die Zuschauern im Filmpalast zeigten sich begeistert von dem Streifen – und sehen Parallelen zu Problemen in Salzwedel. Im Vergleich zu den Beispielstädten habe die Hansestadt jedoch, etwa mit dem Rathausturmplatz, sehr viel kleinere Probleme, hieß es.
" Engagierte Bürger haben auch zum Beispiel beim Gestalten von leeren Schaufenstern gezeigt, dass man mit relativ wenig Geld vieles erreichen kann ", meinte zum Beispiel Sabine Spangenberg.
Weitere Infos zum Film gibt es im Internet unter www. nichtmehrnochnicht. de
Ich fand Nicht-Mehr | Noch-Nicht sehr gelungen. Mein Interesse war auch ein dienstliches, da ich Mitarbeiterin in einem Modellprojekt (lern-netzwerk Bürgerkompetenz) bin, das sich u.a. mit Möglichkeiten der Förderung bürgerschaftlichen Engagements in Schrumpfungsregionen befasst. Eine unserer bisherigen Erfahrungen im Brandenburger Land ist die, dass die (betroffenen) Menschen wohl die Folgen der Schrumpfungsprozesse erleben und erleiden, eine Einordnung der eigenen Betroffenheit in einen größeren Zusammenhang (der Schrumpfungsproblematik) aber selten passiert. Ich denke, die Dimension der Veränderungsprozesse ist bei weitem noch nicht angekommen. Das macht die Anregung eines breiten Diskurses unter Einbindung vieler Akteure oft schwierig. An dieser Stelle scheint mir der Film ein wirklich sehr interessantes Angebot, sich dem Thema zu nähern und an der häufig vorhandenen Resignation ein wenig zu kratzen. Manchmal ist ja schon die Erkenntnis: "Ich bin nicht allein betroffen" erleichternd, kann ein verändertes Problembewusstsein schaffen und schließlich neue Denk- und Handlungsoptionen eröffnen. Der Film erscheint mir da besonders geeignet, da er ein viel sinnlicheres Erleben als x Fachvorträge bietet.
Johanna Gernentz, lern-netzwerk Bürgerkompetenz
Ein Film ganz auf der Höhe der Herausforderungen. Ungeschminkt in der Problembeschreibung zeigt er sich geradezu liebevoll um Auswege aus den Sackgassen der Wachstums- und Vollbeschäftigungsideologie bemüht. Experten wie Betroffenen urbaner Schrumpfung nachdrücklich empfohlen.
Wolfgang Engler, Autor des Buches "Die Ostdeutschen als Avantgarde"
Zu Beginn des Films dreht sich die Kamera einmal um sich selbst. Man sieht Gestrüpp, Gerümpel, eine Fabrikruine - Ödland, durch das der Wind pfeift. Was man eigentlich sieht ist: Nichts, Brachland, eine Leerstelle inmitten Berlins. Ein physisches Zeichen des Nicht-Mehr und Noch-Nicht. Von diesen Orten wird man in den nächsten 80 Minuten viele sehen. Verbarrikadierte Geschäfte in Manchester und Liverpool, gespenstisch entleerte Stadtareale in Dessau, Wolfen, Halle Neustadt, aber auch verlassene Wohnblöcke in Bremen und Salzgitter. Die beiden Filmemacher Daniel Kunle und Holger Lauinger zeigen in "Nicht-Mehr | Noch-Nicht" die erschreckende Realität schrumpfender Städte, dem Negativ aller urbanistischen Ideale von funktionaler Dichte und Wachstum. Zwischen die Brachen geschnittene Interviews mit Architekten und Stadtplanern verstärken dabei den Eindruck, dass für diesen Strukturwandel kaum planerische Konzepte existieren. Der Film belässt es aber nicht bei einer resignativen Analyse, und das macht ihn interessanter als die meisten Beiträge zum Phänomen "shrinking cities". Kunle und Lauinger haben in Deutschland und den Niederlanden nach Beispielen gesucht, welche Möglichkeiten Brachen als Ausgangspunkt einer kulturellen Erneuerung unserer Städte bieten. Sie sind dabei auf Projekte kurzfristiger und dauerhafter Besetzung und Umnutzung gestoßen: temporäre Landnahme in Dietzenbach, Werftbesetzung durch Künstler in Amsterdam, Ferropolis, Hotel Neustadt in Halle. Beispiele für einen experimentellen Urbanismus und für Menschen, die Freiräume unkonventionell füllen - die, wie es der Architekturkritiker Wolgang Kil an einer Stelle des Films sagt, "den Luxus der Leere" nutzen.
Bernd Ziegenbalg
Ich habe mir gestern den Film angesehen und werde ihn wärmstens weiterempfehlen. Sie geben durch die vielen verschiedenen Beispiele der Sache eine andere Dimension, als bisher in der Diskussion vorherrschend. Besonders beeindruckend waren die unterschiedlichen Initiativen, das echte Engagement, das dahinter steckt. Toll. Ich wünsche ihnen ein breites Publikum, denn das Thema ist zu gewichtig, als dass man es dem "Spiegel" überlassen sollte.
Prof. Dr. Ina Merkel, Kulturwissenschaftlerin Universität Marburg
Ein Meisterwerk, das nicht nur in Kommunen und Behörden zum Standardwerk gehören sollte, Gratulation !
Die Brache auch als Möglichkeit begreifen
Film regte in der Kufa Disput über Stadtplanung an
Die Bilder von endlos langen Häuserzeilen mit toten, leeren Fenstern, in denen keine Menschenseele mehr lebt, schocken hier in Hoyerswerda schon längst niemanden mehr. Doch die beiden jungen Filmemacher Daniel Kunle und Holger Lauinger, die diese Bilder eben nicht in der Zuse-Stadt, sondern in Dessau, Halle, Leipzig, Wittenberge und auch in Bremen, Manchester und Liverpool aufgenommen haben, wollten mit ihrem Film «Nicht-Mehr / Noch-Nicht» mehr als nur die erschreckende Realität zeigen – sie wollten eine Diskussion anregen über die Chancen, die die neue «Leere» in den Städten mit sich bringen kann. Ein Thema, das auch in Hoyerswerda von Brisanz ist.
Deshalb hatte die Kulturfabrik den 80-minütigen Dokumentarfilm samt Regisseur Holger Lauinger und einen der Filmprotagonisten – Architekturkritiker Wolfgang Kil – in die Stadt geholt. Und dazu hatte die Kufa auch gleich noch alle eingeladen, die hier in Sachen Stadtplanung ein Wort mitzusprechen haben. Und sie kamen alle: Die Bürgermeister Skora und Delling, mehrere Planungs- und Architekturbüros, der Vorstandsvorsitzende der LebensRäume-Genossenschaft, der Verein «Stadtumbau und Bürgerbeteiligung/ SuBVersionen» . . ., wenngleich die Diskussion im Anschluss ungleich weniger spritzig und provokant als noch vor ein oder zwei Jahren bei ähnlichen Veranstaltungen geführt wurde.
Die Intention des Films ist gleichwohl von allen Rednern hoch gelobt worden. Im Schwebezustand des Nicht-Mehr und des Noch-Nicht haben die Filmemacher deutschlandweit und in den Niederlanden nach den beachtenswerten Beispielen gesucht, bei denen Brachen als neuer Raum für ungeahnte Möglichkeiten erschlossen wurden. Im «Hotel Neustadt» in Halle haben Theaterleute einen leergezogenen Dreizehngeschosser für mehrere Monate zum Zentrum eines spielerischen Erlebens von Urbanität gemacht. In der westdeutschen Stadt Dietzenbach gab es den Versuch einer temporären Landnahme durch die Bürger auf brach liegenden Planungsflächen, die bis ins Zentrum des Ortes reichen. Und in Amsterdam haben Künstler und Kreative Besitz von einer alten Werft ergriffen und zum Laboratorium für künstlerische Arbeit gemacht. Damit wurde dieser leere Nicht-Ort wieder zu einer verwertbaren Adresse.
«Die Brache ist als Zwischenlösung die einzige Form eine ganz neue Urbanität auszuprobieren» , sagte Wolfgang Kil, der den Begriff vom «Luxus der Leere» prägte. Dass die genannten Projekte natürlich nicht beliebig 1:1 in jede andere Stadt übertragen werden können, darüber war man sich im Publikum schnell einig. LebensRäume-Chef Axel Fietzek hatte sogar den durchaus berechtigten Einwand, «dass wir in Hoyerswerda doch keine Zwischenlösungen brauchen, sondern genau wissen, auf welche Einwohnerzahl die Stadt schrumpfen wird.»
Doch gegen Abriss – wenn, denn Gelder dafür da sind – hatte der Experte nichts. «Es geht um die mutige Nutzung solcher Brachen, die nicht weg sind.»
Dass es das in Hoyerswerda ja auch schon gab, darauf machte Architektin Dorit Baumeister aufmerksam. Sowohl das Kunstprojekt «Superumbau» 2003 als auch das 1998 «besetzte» Kunsthaus in der Altstadt seien solche Projekte gewesen. Beide haben das Ziel verfolgt, die Menschen dieser Stadt aus einer gewissen Lethargie zu reißen. «Die rasante Schrumpfung unserer Stadt führt dazu, dass viele Menschen sich verschließen, sich in sich kehren.» , ist ihre Beobachtung. Für Wolfgang Kil ist das Beschreiten neuer, unkonventioneller Wege gerade deshalb wichtig. «Solche Projekte sind gut – nämlich für die Menschen, die noch hier sind. Als ein Zeichen gegen Trostlosigkeit.»
Catrin Würz
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Ganz so einfach lässt sich die Weisheit des Fußballtrainers Sepp Herberger sicher nicht auf den Umgang mit unseren Städten übertragen, dennoch: Das „Nicht-Mehr“ der „schrumpfenden Städte“ hat einen eindringlichen melancholischen Unterton, der das optimistische „Noch-Nicht“ oftmals überhören lässt. Daniel Kunle und Holger Lauinger haben sich um einen Ausgleich von Melancholie und Zuversicht bemüht, denn weder Depression noch übertriebene Hoffnung sind gute Ratgeber für einen zukunftsorientierten Stadtumbau.
Sehr eindringlich lassen die Filmemacher die Stadttheoretiker Wolfgang Kil und Thomas Sieverts mahnen, das Schrumpfen der Städte in Deutschland, das im Osten wie im Westen Stadtteile, ganze Städte und Regionen heimsucht, ernst zu nehmen und sich von einer wachstumsorientierten Stadtplanung zu verabschieden. Thomas Sieverts spricht von einer Trendwende der mitteleuropäischen Stadtentwicklung. Perforierte Stadtstrukturen mit größer werdenden inneren Stadträndern haben die konzentrisch wachsende Stadt abgelöst. Wolfgang Kil sieht Landschaften und Städte mit leeren Häusern bald als regelmäßige Erscheinungen in manchen Regionen.
Einem Wandel der Stadtentwicklung müsste dringend auch ein Wandel im Denken der Planer und der Akteure werden, aber damit tue sich ein großer Teil unserer Administration schwer, so Tom Sieverts. Dabei seien es die Hausbesetzer gewesen, die Ende der Achtzigerjahre einen Wandel in der Stadterneuerung gegen den staatlichen Widerstand durchgesetzt hätten. Solche „schrägen Vögel“ (Kil) seien aber notwendig, um den städtebaulichen Brachen wieder neues Leben einzuhauchen. Der „Luxus der Leere“, die freie und kostenlose Verfügbarkeit des Raums sei, so Wolfgang Kil, eine Chance für neues gesellschaftliches, selbst versorgendes und organisiertes Leben.
Von Raumpionieren dieser Art berichtet der zweite Teil des Films: Vom Hotel Neustadt in Halle Neustadt, von Ferropolis, der Stadt aus Eisen in den ehemaligen Tagebaugebieten der Lausitz, von der Zwischennutzung des ehemaligen Palastes der Republik in Berlin, von der Umnutzung einer alten Werft im Hafen von Amsterdam, der sich eine Gruppe ehemaliger Hausbesetzer angenommen haben oder von „Park Fiction“ in Hamburg, einer Künstlerinitiative, die die gemeinsam mit den Bewohnern betriebene Planung eines neuen Stadtteilparks direkt an der Elbe im Stadtteil St. Pauli zu einer Kunstaktion gemacht und sie mit Hilfe dieser Öffentlichkeit durchgesetzt haben. Der Film zeigt aber auch die Schwierigkeiten solcher Initiativen auf. So zum Beispiel in Dietzenbach bei Frankfurt a.M., wo der Bürgermeister mit aller Macht die Zwischennutzung eines brachliegenden Grundstücks durch seine Bürger verhindert hat. Bevor er den „schrägen Vögeln“ einen Garten gönnte, ließ er lieber seine Stadt brach liegen, schließlich muss alles seine Ordnung haben. Das ist die Regel!
Olaf Bartels
Da prasseln mit einer Wucht verlassene Straßenzüge, leere Klingelschilder, mit Gras überwachsene Gehwege, zugemauerte Fenster, Wohnghettos, Maschendrahtzäune, Bretterverschläge, Warnschilder etc. auf einen ein, da versuchen einem die versammelten Experten klar zu machen, dass wir von den zuständigen Institutionen nichts zu erwarten haben, dass von oben nichts mehr kommt, da sitzt man schon völlig ernüchtert in seinem Kinosessel und fragt sich, was ist eine Antwort auf den ganzen Frust, und da zeigen uns die beiden Filmemacher zwei kleine anarchische Mädchen, die gegen den massiven Widerstand der örtlichen Entscheidungsträger einen Hühnerstall bauen. Ein wirklich romantischer Film.
Oliver Ziegenbalg ist Drehbuchautor von TV-Serien und -Spielfilmen
Wolfen: Viele Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung waren der Einladung von Wolfens Oberbürgermeisterin Petra Wust gefolgt und kamen am Montag Abend zur Präsentation des Dokumentarfilmessays „Nicht – mehr/Noch – nicht“. Holger Lauinger, Filmemacher und freier Journalist aus Berlin, recherchiert seit vier Jahren zum Thema Stadtumbau. In dem Film verarbeitet Lauinger ökonomische und demographische Prognosen, die den radikalen Wandel im zukünftigen Bild vieler Städte voraussagen. Wachstumsphasen schlagen in Schrumpfungsprozesse um. Brachen werden zum allgemeinen Bild vieler Städte. Die Frage ist, wie sich die Stadtentwicklung in unserer Epoche der Unbestimmtheit verhält, denn sie ist überhaupt nicht darauf vorbereitet. Interviews mit Städteplanern und Architekturtheoretikern verdeutlichen die Unbestimmtheit des Problems, zu dessen Lösung bisher weder genügend planerische Konzepte, noch Erfahrungen vorliegen. Durch die sorgfältige Recherche der aktuellen Situation enthält der Film brisanten Zündstoff, der, nach Meinung von Lauinger, weder von Politik und Wirtschaft noch von der Verwaltung ausreichend zur Kenntnis genommen wird. Die Brache in Form eines Spielraumes zu nutzen, scheint der einzige wirklich offene Möglichkeitsraum zu sein. In dem Film wurden interessante Beispiele für die Nutzung von Brachen gezeigt. Sie dienen als Ausgangspunkt kultureller Erneuerung unserer Städte. Experimenteller Urbanismus und Menschen, die Freiräume unkonventionell füllen – die, wie es der Architekturkritiker Wolfgang Kil im Film beschreibt – "den Luxus der Leere nutzen". Leben nach dem Gebrauchswert der Brache – der Zuschauer geht mit einem Fragezeichen in den Film hinein, um am Ende mit einem Fragezeichen herauszukommen. Aber genau dies war der Grund für eine angeregte Diskussion im Anschluss des Films.
Der Film enthält in der aktuellen Recherche der gegenwärtigen Situation brisanten Zündstoff, der bislang von Politik noch Verwaltung zur Kenntnis genommen wurde. Aufnahmen entleerter Stadtareale in Ost- und Westdeutschland wie in Dessau, Wolfen, Leipzig, Halle Neustadt, Salzgitter und Bremen sind ein aufschlussreiches Zeitdokument voller eindringlicher Motive mit fast apokalyptischen Dimensionen. Erst über die unergründliche Macht der Bilder bekommt das statistisch anmutende Phänomen eine überzeugende Form. Verbarrikadierte Häuser und Geschäfte, stillgelegte Bahnhöfe, abgesperrte Stadtareale, halb abgerissene Investitionsruinen. Dass das Gespenst der Leere global umgeht, zeigen Beispiele aus Manchester, Liverpool und Amsterdam. Interviews mit Städteplanern und Architekturtheoretikern verdeutlichen die Unbestimmtheit des Problems, zu dessen Lösung noch keinerlei Erfahrungen vorliegen. Architektur und Städteplanung stecken offenkundig in einer Sackgasse, da Wachstumsphasen in Schrumpfungsprozesse umschlagen. Durch Information und Bildkraft gelingt es der Dokumentation, das Bewusstsein für diese dramatische "Epochenwende" zu schärfen und dennoch einen Hoffnungsschimmer am Horizont aufzuzeigen.
Petra Schröck
Wolfen/MZ. "Nicht mehr, noch nicht": So beschreiben Daniel Kunle und Holger Lauinger die derzeitige Situation in den Kommunen entwickelter Industrieländer. Nicht mehr am Wachsen und noch nicht in der Lage, in geeigneter Weise mit den Problemen des Bevölkerungsrückgangs und dem Leerstand an Gebäuden umgehen zu können. "Nicht mehr, noch nicht", ist auch der Titel eines Filmes, den beide am Montagabend im Wolfener Kino präsentierten.
Dabei stellen nicht nur die Filmemacher fest, dass eine Entwicklung wie die derzeitige eine besondere ist. "Wir haben gar keine Bilder, was das heißt, wenn plötzlich nur noch die Hälfte der Leute da ist", gesteht zum Beispiel Architekturkritiker Wolfgang Kil im Filmtheater und ein zweites Mal auch auf der Leinwand. Er ist einer der Wegbegleiter der Filmemacher auf ihrer Reise durch europäische Kommunen. Sie machen Station in Manchester, Liverpool, Berlin, Dessau, Halle und auch in Wolfen.
Die Kamera schwenkt: Gestrüpp, Gerümpel, eine Fabrikruine, Ödland. Es ist eine Brache inmitten von Berlin. Nicht mehr gebraucht, scheinbar überflüssig. Aber deshalb auch ohne Zukunft? Nicht unbedingt, wie der Dokumentarstreifen zeigt. Architekten und Städteplaner werben für Zwischenlösungen und nennen das Projekt "Hotel" in Halle-Neustadt, die Landnahme im hessischen Dietzenbach oder die Kulturinsel im alten Amsterdamer Werftgelände als Beispiele dafür. Doch sie müssen Werben für ihr Verständnis, dass Planen heute nicht allein für Auf-, sondern vielmehr auch für Abbau steht.
Es ist eine Entwicklung, vor der sich niemand verschließen könne, glaubt Uwe Holz. Immerhin sehe man sich in Europa das erste Mal seit Ende des Dreißigjährigen Krieges und der Pest mit einem massiven, flächendeckenden Rückgang der Bevölkerung konfrontiert. Und Wolfens Oberbürgermeisterin Petra Wust (parteilos) fordert gar ein Umdenken der Menschen ein. Die müssten damit umgehen lernen, dass zu einer Stadt trotz massivem Wohnungsrückbau auch leere Gebäude gehören können. Bitterfelds Baudezernent Eckbert Flämig hingegen plädiert für einen lockeren Umgang mit freien Flächen, warnt vor Zwischenlösungen. Es sei doch dramatisch, wenn am Ende mit den Gebäuden auch die dort geborene Kunst verschwinde.
Der Film vereinigt eine sorgfältige und innovative Recherche mit einer genau komponierenden Kameraarbeit, wie man sie selten in einem Dokumentarfilm findet. Jenseits gängiger Reportage- oder Fernsehnormen schaffen es die Autoren, durch einen eigenständigen künstlerischen Ausdruck, die Prozesse, Objekte und Situationen, denen ihre Betrachtung gilt, in aller gebotenen Konzentration dem Betrachter zu vermitteln. Die filmische Qualität dieser Arbeit überragt in der Konsequenz ihrer künstlerischen Gestaltung viele andere Arbeiten, die sich mit dem Phänomen "Stadtlandschaften" auseinandersetzen. Ich sage das auch vor dem Hintergrund meiner eigenen Forschungen auf diesem Gebiet.
Prof. Heinz Emigholz, Filmemacher und Buchautor
Zuerst gingen der Stadt die Betriebe verloren. Wo einst produziert wurde, Menschen arbeiteten, rückt der Verfall vor - und die Natur. Ein paar Jahre später gingen der Stadt die Menschen verloren: Sie zogen weg oder wurden erst gar nicht mehr geboren.
Was aus der Kirchturmperspektive als ein besonders hartes Schicksal der eigenen Stadt erscheinen mag, ist längst ein weit verbreitetes Phänomen: Nicht nur in Ostdeutschland schrumpfen Städte, sondern ebenso in der alten Bundesrepublik, in West- und Osteuropa. (Die USA waren da wieder einmal Europa voraus, die allmähliche Entvölkerung ganzer Stadtteile, ja ganzer Städte hat man dort bereits vor Jahrzehnten beobachten können.)
Die Brache, einst nur in der Landwirtschaft zu finden, ist fester Teil der Städte geworden. Sie weitet sich aus und verstört jene, die noch in der zerfasernden, auseinanderbrechenden Stadt wohnen.
Daniel Kunle und Holger Lauinger haben in ihrem Film »Nicht-mehr | noch-nicht« dieses Phänomen dokumentiert: Liverpool und Wolfen, Dessau und Berlin - so unterschiedlich die Städte auch erscheinen mögen, was sie verbindet ist der Verlust. In Deutschland wurde dafür ein amtlicher Euphemismus erfunden. Indes meint »Stadtumbau« zunächst einmal ganz brutal der dem Leerstand folgende Abriss.
Kunle und Lauinger beschönigen nichts. Ihre Bilder leerer Häuser, des Verfalls sind bedrückend, manches Interview, das sie führen, taugt nur, den Eindruck des Unvermeidlichen zu verstärken, die gegenwärtige Entwicklung als Menetekel der Urbanität zu verstehen.
Indes: »Nicht-mehr | noch-nicht« zeigt mehr als Verlust. Im zweiten Teil ihres Films haben Kunle und Lauinger Leute aufgespürt, die versuchen, Brachen als Chancen zu begreifen. Ein Hühnerhof entsteht mitten in der Stadt. In St. Pauli wachsen Palmen. Aus 7000 Tonnen Schrott entsteht Ferropolis. Ein 13-Geschosser in Halle wird zur großen Bühne.
Taugen solche Zwischennutzungen wirklich, Leerstellen zu füllen, zumal ihnen die wirtschaftliche Basis fehlt? Ohne erhebliche Steuermittel würden sie nicht überleben. Und dort, wo sich Bürger formieren, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen? Beuten sie sich nicht selbst aus? Oder haben sie bloß die nötigen finanziellen Reserven, sich Stadterneuerung als Hobby leisten zu können? Nehmen die Zwischennutzer wirklich die Menschen mit? »Nicht-mehr | noch-nicht« kann auf diese Widersprüche keine endgültigen Antworten geben - weil diese bislang niemand parat hat.
Thomas Steinberg
Noch nie zuvor habe ich so ein unerbittliches Draufhalten auf die Leere in den schrumpfenden Städten gesehen. Und noch nie bin ich nach einer Stunde dieses harten Themas derart beschwingt davongegangen. So viel heitere Gelassenheit wird wohl erst möglich, wenn einer das ganze Tal der Depressionen schon durchschritten hat.
Wolfgang Kil, Autor des Buches "Luxus der Leere"
Gelassenheit nach der Depression
Schluss mit der Schmalspur-Hollywood-Unterhaltung! Zwei junge Filmemacher aus Prenzlauer Berg beschäftigen sich im Dokumentarfilm "Nicht-Mehr | Noch-Nicht" mit schrumpfenden Städten - einem Thema, über das nur wenige Bescheid wissen, das uns aber alle betrifft. Menschenleere Bahnhöfe, endlose Häuserzeilen mit kaputten und barrikadierten Fenstern, leerstehende Läden ziehen vorbei. Faszinierend und erschreckend zugleich wirken diese Bilder. "Noch nie zuvor habe ich so ein unerbittliches Draufhalten auf die Leere in den schrumpfenden Städten gesehen", beschreibt der Architekturkritiker Wolfgang Kil seine Eindrücke von "Nicht-Mehr | Noch-Nicht". Schrumpfende Städte sind nicht nur ein ostdeutsches Problem: Bremen, Manchester, Liverpool, Berlin - überall verfallen Häuser und ganze Stadtteile. "Wir haben gar keine Bilder, was das heißt, wenn plötzlich nur noch die Hälfte der Leute da ist", sagt Wolfgang Kil. Wir sind gar nicht darauf vorbereitet. Das ist eine der Botschaften, die der Zuschauer mit nach Hause nimmt. Aber die Macher dieses ungewöhnlichen Films, Daniel Kunle und Holger Lauinger, lassen ihn mit dieser apokalyptischen Erfahrung nicht im Regen stehen. "Die Statements der Experten und die Bilder aus anderen Städten können Gespräche über Probleme vor der eigenen Haustür anregen", erklären die beiden Macher. "Vielleicht kann er auch Initiativen und sogar der Verwaltung helfen, der lokalen Phantasie Flügel zu verleihen."
Den Leerstand nutzen - neue Ideen verwirklichen
So zeigt "Nicht-Mehr | Noch-Nicht" nach dem ersten "Schock" auch die erfrischenden Chancen, die die neuen Brachflächen mit sich bringen, und die großartigen Menschen, die den Mut haben, sie zu erobern: In Halle etwa haben Theaterleute hunderte von Zimmern eines leerstehendes Hauses mit 13 Stockwerken in ein Erlebnishotel für Jederman verwandelt. Bürger in der westdeutschen Stadt Dietzenbach versuchten Brachflächen zeitweise zu übernehmen, die bis in das Zentrum des Ortes reichten - und machten Bekanntschaft mit der Engstirnigkeit konservativer Politiker. Auch über den deutschen Tellerrand schaut "Nicht-Mehr | Noch-Nicht" hinaus. Kunle und Lauinger besuchten unter anderem niederländische Künstler, die eine alte Werft in Amsterdam besetzten, um sich dort kreativ auszutoben. Wolfgang Kil: "Noch nie bin ich nach einer Stunde dieses harten Themas derart beschwingt davongegangen. So viel heitere Gelassenheit wird wohl erst möglich, wenn einer das ganze Tal der Depressionen schon durchschritten hat."
(dj)
Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zur demographischen Entwicklung in MV luden die Heinrich Böll-stiftung und das Rostocker Lokalradio LOHRO zu einem Filmabend in das Lichtspieltheater Wundervoll LiWu ein. Gezeigt wurde das Dokumentarfilmessay "Nicht-Mehr | Noch-Nicht" von Daniel Kunle und Holger Lauinger, in dem der zunehmende Wohnungsleerstand und die Stadtbrachen, sichtbare Zeichen schrumpfender Städte thematisiert werden. Viele EinwohnerInnen, Geschäftsleute oder lokale Politiker empfinden diese, aus den sich zurückentwickelnden Bevölkerungszahlen, resultierenden Symptome als negativ. Aber ist das unbedingt so?
Die Filmemacher nähern sich zunächst dem Thema, indem sie Beispiele für ungenutzte, brachliegende Stadtorte zeigen. Neben Bildern aus den ehemaligen Indusriestädten Manchester und Liverpool, in denen die uns beschäftigenden Prozesse bereits vor etlichen Jahren einsetzten, gleichwohl es auch dort bis dahin keine Erfahrungen damit gab, werden dann vor allem leerstehende Häuser und überwuchernde, einst bebaute Grundstücke in Wolfen, Wittenberge oder Leipzig gezeigt. Dazu sprechen Thomas Sieverts und Wolfgang Kil, Planer und Stadttheoretiker, aus ihrer Sicht Fakten und Thesen an, die wohl in naher Zukunft Realität sein werden: Stadtentwicklunglebte seit Jahrzehnten von(Bau-)Subventionierung, ein Umstand der sich angesichts des Überflüsses an Wohnraum erledigt haben dürfte. Leere Häuser sowohl in Ortschaften, als auch inn der Landschaft werden zum normalen Bild gehören. Entgegen früherer Entwicklungen werden sich nicht mehr Städte in Landschaften ausbreiten, sondern die (menschlich beeinflusste) "Natur" erobert sich die Räume in den Ortschaften zurück (nichts anderes ist ja letztlich auch Brache, die selbst in "ungepflegtem Zustand" erstes Stadium einer natürlichen Sukzession ist). Innere Stadtränder verstärken sich ("Fraktal"-Bildung).
All das erfordert von Stadtplanern/Innen in Ost und West (!) einen Paradigmenwechsel, den Wohnungsgesellschaften aus den östlichen Bundesländern bereits einschlagen mussten. Einige sind an den ökonomischen Folgen Bankrott gegangen. Dieser Richtungswechsel verlangt der Planerzunft etliches an Umdenken ab, denn noch nie in der Geschichte wurde soviel zurückgebaut, wie heute. Dieser Umbruch erfordert von allen ein Nachdenken über ein neues Kulturverständnis, eine Leistung, die selbst in unserer Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft zZ.noch von niemandem vollständig erbracht werden kann.
Die beiden Theoretiker liefern aber auch schon einige, wie ich finde, sehr lustige Denkanstösse mit. Denn noch nie habe ich seit der Zerschlagung der bundesweiten Hausbesetzerszene aus dem Mund von Fachplanern gehört, dass die Zeiten vielleicht gar nicht mehr solange hin sind, in denen Menschen gesagt werden wird: da steht etwas leer, nehmt es euch, aber im Winter müsst ihr den Schnee selber wegschippen. Im Film wird vom "Luxus der Leere" gesprochen. Die sich eröffnenden Räume und Nischen sollten als Chance gesehen werden, als Spielräume für Zwischennutzungen. Brache soll als produktives Element begriffen werden.
Da ergeben sich natürlich erste Reibungspunkte, die angesprochen werden, denn selbst wenn ein Haus abgerissen wird, weil entweder kein Eigentümer da ist, der Eigentümer einfach kein Geld hat oder es einfach keinen Bedarf gibt - wer darf dann über die Fläüche verfügen? Abgesehen davon, dass es ja vielleicht durchaus Nutzerinnen für das Haus gegeben hat, die dieses "sich nehmen", eine Form der Aneignung, die nichts mit Besitz im herkömmlichen Sinn zu tun hat, praktiziert haben - siehe Beispiel Hedgestraße. An wievielen Flächen kommt mensch so vorbei, wo "nichts" steht (außer vielleicht erste Spontanvegetation) und die meterhoch eingezäunt sind? Da stellt sich die Frage nach dem Sinn der Verwertungslogik, denn wo freie Flächen oder Gebäude zum reinen Spekulationsobjekt auf unbestimmte Zeit verkommen, sind neue Formen der Nutzung ("try und error" nennt Tomas Sieverts das)oft nicht erwünscht.
Die Praxisbeispiele ("Noch-Nicht") stellen einen Querschnitt an Projekten dar, die sich der Zwischen- oder Nachnutzung von Freiräumen verschrieben haben. Auffällig ist, immer gabe es eine Gruppe von Leuten (gesellschaftliche Akteure), die erst einmal die Initiative ergriffen haben. Einige Beispiele sind nicht ganz so representativ, wie ich finde, weil sie eher an der Entwicklung der Inszenierung von Städten ("Disneyfizierung"/ "Stadt als Themenpark") entsprechen, zB. "Hotel Neustadt" und "Ferropolis". Zumindestem erstem kann zu gute gehalten werden, dass hier der Verusch unternommen wurde, den Einwohnerinnen von Halle einfach mal zu zeigen, was möglich ist. Für mich ist das die Problematik am treffendste Projekt "100qm Dietzenbach". "Der größte Planungsfehler der bundesrepublikanischen Stadtplanung" sollte Anfang der 80er Jahre als Entlastung für Frankfurt am Main dienen und das Örtchen Dietzenbach von 6.000 auf 60.000 Einwohner katapultieren. Hingezogen sind gerade mal die Hälfte der Menschen, mit der Folge dass zuviel an Wohnraum, Verkehrsfläche und Brachfläche mitten im Ort vorhanden ist. In einer temporären Landnahmeaktion konnten DietzenbacherInnen sich 100 qm große Claims abstecken und Vorschläge für die Nutzung unterbreiten. Es kamen vor allem MigrantInnen und BewohnerInnen der anliegenden Neubausiedlung, die sich größtenteils eine Gartennutzung wünschten. So ganz spielte die Stadtverwaltung aber doch nicht mit und verlangte 500 Euro Kaution und den üblichen Bürokratiekram. Da war es schnell vorbei mit der Landnahme - bis auf eine Handvoll Kinder, die (ganz david gegen Goliath) vor der versammelten Bürgerschaft ihren Hühnerstall verteidigten. Der fiktive Buchwert war den Stadtobersten dann doch wichtiger, als das bürgerschaftliche Engagement und ich denke an der Problematik dürften wohl zZ. noch die meisten Bestrebungen für ein anders geartetes Aneignen von Freiflächen scheitern.
Die übrigen Beispiele des Films bewegen sich zwischen Künstlerengagement (Broedplaatsfonds in Amsterdam, einer ehemaligen Werft), der Zwischennutzung des "Palastes der Republik" (zu der unsäglichen Entscheidung, das Schloss und das wofür es steht wieder aufzubauen, muss an dieser Stelle wohl nicht viel gesagt werden) und eine recht schräge Stadtteilaneignung (Park Fiction in Hamburg).
Wie sieht es bei uns aus? (Industrie-)Brachen gibt es genug. Die Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern können ein Lied davon singen, wie die Leute davon laufen. Ist mensch in den kleinen Städten und Dörfern vielleicht noch froh, dass als erstes die das Ortsbild nicht unbedingt positiv prägenden Plattenbauten geschliffen werden, nimmt es in den größeren Städten wahrnehmbar größere Ausmaße an, wenn auch die Innenstädte bis auf ungenutzte Gewerbeflächen verschont bleiben. Da fehlt in den ehemals so genannten "Neubaugebieten" (eigentlich sind die neuen "Ghettos ja die Reihenhaussiedlungen im "Speckgürtel" dann dort auf einmal ein Hochhaus, woanders eine ganze Plattenbauzeile. Für Wolfgang Kil sind das u.a. auch die sichtbaren Folgen einer Neoliberalisierung, die im Osten keine postindustriellen sondern deindustrialisierte Verhältnisse herbei führt und deshalb unabhängig von Geburtenknicken und ähnlichem zu sehen ist. Es wird sich also zeigen müssen, inwiefern die "Verantwortlichen", aber vielwichtiger noch die Menschen, die hier leben, die möglichen oben aufgezeigten Chancen erkennen. Im Film steht auf einer Berliner Mauer als Graffiti "But the don`t decide. We do! We create our own destiny and our own life!". Dem ist nichts hinzuzufügen, außer eins - der Film ist im übrigen mit langen ruhigen Kameraschwenks sehr schön fotografiert.
Ronald Zeug
Die Jugend will in Chemnitz bleiben...
Der Raum ist gefüllt, das Podium ist noch leer, die Gäste sind junge Menschen: Schüler, Auszubildende, Studenten dazwischen interessierte Chemnitzer jeden Alters. Es geht heute um ihre Stadt. Die Probleme kennen alle: Abwanderung, Wohnungsabriss, „Überalterung“. Doch was kann getan werden? Holger Lauinger ist heute zu Gast, Regisseur und Filmemacher. Er hat sie auf Zelluloid gebannt, die Probleme der Städte, den Verfall, die leer stehenden Häuser – in Berlin, Hamburg, Weimar, Leipzig, in Ost und West. Er weiß, schrumpfende Städte gibt es überall in Deutschland.
Der Film beginnt und alle werden mit der Realität konfrontiert, Dorfstraßen ohne Einwohner, Stadtviertel in denen Unkraut wuchert, nur hier und da ein streunender Hund. WAS TUN ?! Architekten und Landschaftsplaner kommen zu Wort. Das Gute ist: Sie geben Antworten, wie die leeren Flächen mit Leben gefüllt werden können, was der Mensch tun kann, um dem Schrumpfen der Städte Positives abzugewinnen. Künstler, kreative Menschen erobern den Raum, alternative Wohnkonzepte werden gelebt - Urbanisierung der Brachen - Kultur in Beton und Eisen. Wo Kunst sich betätigt, kommen die Investoren und wo Leben sich regt, kommt neues nach. Die Antworten klingen einfach, die Umsetzung erfordert – wie die Bilder zeigen – hohes Engagement des Einzelnen, gegen Bürokratie, mit Courage. Am Ende des Films bleiben Fragen – diesen stellen sich Stadtrat Patrick Pritscha und Holger Lauinger, denn nun wird es konkret: Wie können Jugendliche in Chemnitz gestalterisch, kreativ und lebendig wirken, der Wohnraum ist da, aber warum wird er abgerissen, warum wird er verknappt, obwohl sich viele – besonders die junge Generation - eigene Wohnungen nicht leisten können. Es stellt sich heraus, diese einfachen Fragen stellen die Eigentumsfrage, wer bestimmt den Mietpreis, für wen ist die Stadt da, für den Besitzenden von Wohnungseigentum oder für den Bürger, der diese Stadt am Leben erhält? Fast alle Fragen klingen wie Systemkritik, dabei ist es oft nur die Frage nach der Zukunft. Nach dreieinhalb Stunden Film, Fragen und Nachdenken besteht immer noch Diskussionsbedarf. Die Beteiligten erhalten das Versprechen, dass diese Art von Themen: Stadtentwicklung, Stadtumbau, städtische Lebensart und alternatives Leben, weiter im Programm der Rosa-Luxemburg Stiftung bleiben. Die Suche nach Lösungen wird fortgesetzt. Die RLS hat es in Zusammenarbeit mit kompetenten Gesprächspartnern geschafft, alternatives Denken und linke Inhalte in die Öffentlichkeit zu transportieren. Politische Bildung gelingt eben nur mit anderen. Diese Veranstaltung machte Hoffnung.
Thiemo Kirmse, Leiter RosaLux Chemnitz
Wie kein anderes Medium kann Film die Wirklichkeit raffen und verdichten. Die eigene Anschauung dagegen beschränkt sich ja in der Regel auf einzelne Beispiele und die Zahl von 1,3 Millionen im Kopf - Wohnungsleerstand in Ostdeutschland – bleibt abstrakt. Erst die Reihung von Bildern, an die man sich schon gewöhnt zu haben glaubte, lösen einen Schock aus. Sie erst machen uns das Problem in seiner ganzen Tragweite bewusst. Der Film von Daniel Kunle und Holger Lauinger „NICHT MEHR | NOCH NICHT“ ist ein solches augenöffnendes Dokument. Er zeigt, wie weit die Entvölkerung in den Städten der ehemaligen DDR, ihre Dissoziierung und der materielle Verfall ihrer Bausubstanz bereits fortgeschritten sind – eine beklemmende Dokumentation! Beklemmend auch der Kommentar der Stadttheoretiker Wolfgang Kil und Tom Sieverts, die diesen Prozess als Menetekel unserer urbanen Kultur deuten.
Dem bedrückenden ersten Teil des Films folgt ein zweiter, der dann doch ein ‚happy end‘ verspricht, wie es sich für einen ordentlichen Film ja wohl auch gehört. Er zeigt, wie sich als ‚Zwischennutzung’ auf den Stadtbrachen Gruppen ansiedeln, für deren experimentelle Lebensformen in den prosperierenden Städten kaum Raum vorhanden war. Während der Staat angesichts der Größenordnung der Probleme zu resignieren scheint, entstehen hier spontan Strategien, die eine Revitalisierung einleiten, jedenfalls legt der Film das nahe.
Das Problem ‚schrumpfende Stadt‘ ist für uns neu. In ihrem legendären Buch „The Death and Life of Great American Cities“ hat Jane Jacobs vor 40 Jahren solche Zyklen des Verfalls und der Regeneration beschrieben. Heruntergekommene Quartiere werden zum Anziehungspunkt sozialer Randexistenzen , nicht nur von Asozialen und Aussteigern sondern auch von Künstlern, Lebenskünstlern, Studenten, Außenseitern, Existenzgründern und überständigen Kleingewerblern. Sie verzichten auf den üblichen Lebensstandart und auf eine umfassende soziale Sicherheit und handeln sich dafür ein hohes Maß an persönlicher Freiheit ein. So entsteht eine Zusammenballung von Unkonventionalität, Kreativität, Experimentierfreude und ein neues Netz von sozialen Beziehungen. Diese lebendige Mannigfaltigkeit erzeugt eine gesellschaftliche Dynamik, die dem Quartier alsbald eine neue Attraktivität, schließlich auch für Investoren beschert, so Jane Jacobs.
Solche initiativen Außenseitergruppen haben die Filmemacher nun auch, aber nicht nur, in den ostdeutschen Städten aufgespürt. Es sind deren einfallsreiche Aktionen, die die Zuschauer faszinieren und auf die Kunle und Lauinger ihre Hoffnung setzen.
In der Bundesrepublik waren diese, für unsere Gesellschaftsordnung ‚normalen‘ Stadterneuerungszyklen, wie sie Jane Jacobs beschrieben hat, bisher unbekannt. Sie wurden überlagert durch Kriege, Kriegszerstörungen, Wiederaufbau und durch die Integration von Millionen von Ostflüchtlingen DDR-Flüchtlingen und Gastarbeitern. Jahrzehntelang, bis in die Ära von Bundeskanzler Kohl wuchsen Wirtschaft, Bevölkerung und mit ihnen die Städte. Der bis dahin kaum bemerkte , schleichende Prozess der Kapitalkonzentration und –zentralisation wurde dann durch eine weitere ‚Anormalität‘, die Wiedervereinigung der beiden Deutschland, dynamisiert. Die Deindustrialisierung und Bevölkerungsflucht erreichte in der ehemaligen DDR in kürzester Zeit außergewöhnliche Größenordnungen. Es ist zu vermuten, dass selbst eine boomende Wirtschaft keine umfassende Abhilfe gewährleisten würde, zumal das Kapital heute einen globalen Aktionsradius besitzt. Nur wenige wirtschaftliche Brennpunkte können von einer konjunkturellen Belebung eine Sanierung erwarten, für die große Zahl der Stadtbrachen bleibt nur die Hoffnung auf die skizzierte informelle Entwicklung. Wie realistisch ist diese aber? Die Initiativgruppen auf den Stadtbrachen, die der Film zeigt, sind im kulturellen und Freizeitbereich angesiedelt. Ihre Protagonisten leben überwiegend von der Arbeitslosen- oder Sozialhilfe, die eine zwar bescheidene aber doch ausreichende Subsistenz ihrer kreativen Arbeit gewährleistet. Der Wohlfahrtsstaat ist aber an seine finanziellen Grenzen gestoßen und wird gerade abgebaut. Er wird künftig dieses Existenzminimum nicht mehr garantieren können. Experimentieren, „spielen“ kann aber nur, wer nicht hungert. Bevölkerungsgruppen, die weder Arbeit finden noch ausreichend vom Staat alimentiert werden, brauchen andere als die im Film gezeigten Kultur- und Freizeitprojekte. Hilfreiche Beispiele findet man vermutlich eher bei den Überlebenskünstlern in den Slums und Favelas Amerikas und Asiens. Künftige Formen der Selbsthilfe dürften eher bedrückend, denn heiter und spielerisch anzusehen sein und auch in der Regel der Initialfunktion ermangeln.
Martin Wagner schrieb 1929:“In Stadtplanungen wird die wirkliche Gestalt der Gesellschaft, ihre geistige und wirtschaftliche, insbesondere aber ihre sozialpolitische Struktur klarer und wahrhaftiger ans Licht gebracht, als in irgendeinem anderen Dokument.“ (Das neue Berlin, 1929, Heft 4, S.70) Deshalb sollten Sie diesen Film nicht versäumen.
Jürgen Wenzel beendete 2003 seine Universitätslaufbahn als Professor für Bauplanung am Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung der TU Berlin. Seine Beiträge zur Profession, vorgetragen in Lehre und Fachdiskurs, haben die letzten Jahrzehnte des Wandels von Landschaftsarchitektur kommentiert und beeinflusst
"Nicht-Mehr | Noch-Nicht" zeigt, was die Stadtplanung nicht kennt: den Raum der Trauer. Wenn Heimat, wenn ganze Stadtgebiete verloren gehen, dann reicht eben nicht der bloße Abriss. Da brauchen wir Übergänge, Rituale eben. Da die Kultur der Übergänge uns scheinbar verloren gegangen ist, finden wir sie in aktuellen Äußerungsformen der Kultur wieder. Übergänge brauchen utopische Bilder. Und die zeigen Daniel Kunle und Holger Lauinger in ihrem starken Film.
Gerald Hintze ist Projektleiter des Diakoniezentrums Weser5 im Bahnhofsviertel Frankfurt am Main. Im Schatten der Türme des Finanzkapitals bietet Weser5 hilflosen Menschen Obdach und macht durch Projekte auf die Stadtpolitik der Verantwortungslosigkeit aufmerksam.
Der Film ist eine bemerkenswert gelungene Einführung in die politischen und räumlichen Facetten der Problematik der "schrumpfenden Städte" . Die theoretische Verortung durch Wolfgang Kil und Thomas Sieverts verschiebt den Blick von den Leerstellen als traumatische "Nicht-Mehr"-Situation zu neuen gesellschaftlichen Fragen und räumlichen Möglichkeiten. Ob Städte wirklich schrumpfen oder sie nicht viel mehr auseinander fallen und was diese Orte dann sein könnten, bleiben Fragen, die auch in den Beispielen der temporären Nutzungsmöglichkeiten "noch-nicht"- beantwortet werden. "Nicht-Mehr | Noch-Nicht" ist die notwendige Grundlage für weitere Diskussionen um Utopien!
Kathrin Wildner arbeitet selbständig mit dem Büro für Raumfragen und ist Dozentin an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe
Ein beeindruckender Film über brachliegende Flächen und ungenutzte Immobilien. Der Film stellt fantastische Nutzungs- und Besetzungskonzepte vor, die jedoch zumindest in Deutschland auf die eiserne Mauer der Bürokratie stoßen und so in die Illegalität gedrängt werden. Er regt zum Denken an und geht über die übliche Hausbesetzerszene hinaus. Durchweg empfehlens- und bewerbungswert!
"Nicht-mehr | Noch-nicht" behandelt das Thema städtischer Brachen aus einem interdisziplinären Ansatz heraus, der sowohl soziale, ökonomische und demographische Entwicklungen als auch (stadt-)räumliche und planerische Aspekte beleuchtet. Für Architekten und Planer des 20. Jahrhunderts waren Stadtprojekte immer mit dem Begriff des (räumlichen, demographischen, wirtschaftlichen usw.) Wachstums der Städte verbunden. Der Film zeigt, dass sich städtische Projekte im 21. Jahrhundert ebenso mit der umgekehrten Tendenz befassen müssen, Schwund und Stagnation bis hin ins Zentrum der Städte. Dieses Phänomen der "perforierten Stadt" befiel schon vor Jahrzehnten die englischen Wirtschaftszentren mit ihren absterbenden Industrien und auch für das Ruhrgebiet lässt sich ähnliches aufweisen. Um ein Vielfaches verschärft trifft es die Städte der ehemaligen DDR, wo Industrieabbau und Abwanderung ganze Stadtteile entvölkern. An den Planer richtet der Film die Frage, wie seine Intervention sich gestaltet, wenn Investoren außer Sicht sind und der Stadtumbau ungewiss. Brachen sind ein bleibender Bestandteil unserer Städte geworden, deren (Um)Nutzung nicht immer zeitlich abschätz- und inhaltlich planbar ist. Diese Übergangszeit hält an, der Zustand des Transitorischen charakterisiert diese Orte nun dauerhaft. Wir sollen sie deshalb nicht als Un-Orte abstempeln, sondern ihre Potentiale entdecken und nutzen. Der zweite Teil des Filmes zeigt Wege zum Umgang mit Brachen auf. Fünf Fallstudien verdeutlichen, wie nötig ein Paradigmenwechsel ist und wie schwer er verantwortlichen Planern, Politikern und Behörden fällt. Für diese Brachen sollten nicht mehr Programme vorgeschlagen werden, die einen Ort dauerhaft in Beschlag nehmen, sondern Aktivitäten, welche auf zeitliche Entwicklungen sowie auf Veränderlichkeit und Flexibilität von (Stadt)Räumen eingehen können. Neue Arbeitsgebiete können erschlossen werden, wenn es darum geht, Stadtbewohner darin anzuleiten und zu unterstützen, wie städtischer Raum und Boden aktiv angeeignet und genutzt werden kann, oftmals auch gegen den Willen der Stadtväter. Konzertation mit verantwortlichen Stadtgremien, Beteiligung und Mündigkeit der Bürger stehen hierbei im Vordergrund. So richtet sich der Film letztlich auch an die Generation von Planern, die heute unsere Universitäten absolvieren und diesen Wandel von Inhalt und Begriff des städtischen Projektes vollziehen sollen.
Volker Ziegler ist Architekt und Dozent für Städtebau an der Ecole d'architecture in Nancy